{"id":1010,"date":"2020-03-05T11:53:17","date_gmt":"2020-03-05T11:53:17","guid":{"rendered":"https:\/\/wanderlustfirst.eu\/?p=1010"},"modified":"2020-03-05T11:53:20","modified_gmt":"2020-03-05T11:53:20","slug":"es-lebe-die-afrikanische-buerokratie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wanderlustfirst.eu\/?p=1010","title":{"rendered":"Es lebe die afrikanische B\u00fcrokratie!"},"content":{"rendered":"\n<p>Angekommen in Brazzaville hatte ich zwei wichtige Aufgaben zu erledigen: das Visum f\u00fcr Angola zu organisieren und zu \u00fcberlegen, wie ich nach Kinshasa bzw. in die Demokratische Republik Kongo einreisen w\u00fcrde. Ersteres sollte leicht zu machen sein \u2013 dachte ich zumindest.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich l\u00e4sst sich das Visum f\u00fcr Angola im Internet beantragen. Man muss lediglich den Ankunftsflughafen oder Grenz\u00fcbergang ausw\u00e4hlen, ein elektronisches Formular ausf\u00fcllen, ein paar Dokumente hochladen und schwups \u2013 nach etwa 48 Stunden bekommt man das Visum per E-Mail zugeschickt. Oder so \u00e4hnlich. Ich scheiterte jedoch schon an der ersten Frage: \u201ewo m\u00f6chten Sie einreisen?\u201c. Da bei mir die Wahl des Flughafens eher nicht zur Debatte stand, suchte ich verzweifelt nach m\u00f6glichen Optionen \u00fcber den Landweg. Leider lie\u00df keiner der Grenz\u00fcberg\u00e4nge im Norden das eVisum zu, so blieb mir keine andere Wahl als den \u00fcblichen Weg einzuschlagen: das Visum in einer angolanischen Botschaft pers\u00f6nlich zu beantragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun wie sieht eine \u201enormale\u201c Visum-Prozedur in Afrika aus? Man geht in die Botschaft, f\u00fcllt das Antragsformular aus, gibt ein Passfoto ab, zahlt eine bestimmte Geb\u00fchr und holt das Visum am n\u00e4chsten Tag ab (DR Kongo) oder bekommt es gleich vor Ort ausgestellt (C\u00f4te d\u2018Ivoire, Republik Kongo). Ich hatte schon eine leichte Vermutung, dass dies mit dem angolanischen Visum etwas komplizierter werden k\u00f6nnte. Das mich das fast den ganzen Tag kosten sollte, h\u00e4tte ich nicht gedacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 25. November stand ich fr\u00fch auf. Ich wollte noch ein paar Kleinigkeiten erledigen, bevor ich das Visum in der Botschaft beantragen w\u00fcrde. Was ich hierf\u00fcr alles an Unterlagen ben\u00f6tigte, las ich in der (mal wieder sehr n\u00fctzlichen) App iOverlander. Hierzu geh\u00f6rt ein Antragsformular, welches man vor Ort bekommt, aber au\u00dferdem noch eine Hotelreservierung, ein Flugticket, eine farbige Kopie des Reisepasses, eine Kopie des Impfbuches mit Gelbfieberimpfung, zwei Passfotos und ein sogenanntes \u201eDocument of Request\u201c, in dem man erkl\u00e4rt, warum man nach Angola einreisen will. Im Prinzip alles machbar. Ich schrieb eine halbe Seite Lobeshymne auf die Sch\u00f6nheit des Landes Angola, die ich auf dem Landweg erkunden m\u00f6chte. Man wei\u00df ja nie, wie die Laune des Beamten ist, der mir sp\u00e4ter das Visum ausstellen wird. Au\u00dferdem schrieb ein User auf iOverlander, dass man ein Fake-Flugticket auf dem Flughafen bekommen kann. Ein Fake-Flugticket? Ich war nicht bereit, im \u201eDocument of Request\u201c \u00fcber meine geplante Motorradreise durch Angola zu schreiben und dann ein Fake-Flugticket zu pr\u00e4sentieren! Dem d\u00fcmmsten Beamten w\u00e4re dies sicherlich auch aufgefallen, dass ich kein Flugticket ben\u00f6tige, um das Land auf dem Motorrad zu bereisen. Ich schrieb also explizit rein, dass ich das geforderte Flugticket leider nicht pr\u00e4sentieren kann, weil ich es nicht brauche. Das ist das sch\u00f6ne am Reisen mit dem Motorrad: du kannst alles auf dem Landweg erkunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Aufgabe des Tages, n\u00e4mlich das Kopieren der Dokumente und das Drucken meines Erkl\u00e4rungsbriefes, verursachte bereits gewisse Schwierigkeiten. Im ersten Copy-Shop war die technische Ausstattung des Ladens leider nicht ausreichend, um eine Farbkopie des Reisepasses zu machen. Der Laden bestand aus einer Holzh\u00fctte mit einem Blechdach. F\u00fcr die Stromversorgung sorgte eine einzige Steckdose, in der ein gro\u00dfer Verteiler mit unz\u00e4hligen Kabeln steckte. Dort war auch ein Drucker angeschlossen, der am Ende nichts nutzte: wir haben es leider nicht geschafft, die Datei vom Ipad auf den PC zu \u00fcbertragen. So bedankte ich mich bei der jungen Dame, die nichts unversucht lie\u00df, und ging auf die Suche nach einem anderen Copy-Shop. Das, was man in Europa in jedem Zuhause selbst leicht erledigen kann, ergab sich hier als wahre Herausforderung. Beim zweiten Copy-Shop hatte ich schlie\u00dflich mehr Gl\u00fcck und konnte die fehlenden Unterlagen ausdrucken bzw. kopieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun war ich \u2013 wie ich dachte \u2013 bestens vorbereitet und konnte in die Botschaft fahren, um meinen Visumantrag zu stellen. Dort angekommen, bekam ich gleich das Antragsformular ausgeh\u00e4ndigt, nat\u00fcrlich auf Portugiesisch und Franz\u00f6sisch. Keine Chance eine englische \u00dcbersetzung zu bekommen. Aber ok \u2013 ich mache es ja schlie\u00dflich nicht zum ersten Mal, es wird schon klappen \u2013 stellte ich mir in meiner Naivit\u00e4t vor. Leider klappte es nicht: meine gebundenen Portugiesisch-Franz\u00f6sischen Kenntnisse waren nicht ausreichend. Es stellte sich heraus, dass ich meine deutsche Adresse mit der in Kongo (wo ich zu Gast war) verwechselt hatte. Der Beamte akzeptiert keine Korrekturen im Antrag. Also durfte ich erneut dasselbe Formular ausf\u00fcllen und wurde dabei mehrfach ermannt, dass der Konsul es nicht leiden kann, wenn man unleserlich kritzelt. So bem\u00fchte ich mich, die sch\u00f6nsten Buchstaben meines Lebens zur Papier zu bringen. Ich wollte ja den Konsul nicht entt\u00e4uschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Beamte be\u00e4ugte das Formular kritisch und nickte. \u00bbJawohl, ich habe es geschafft\u00ab \u2013 freute ich mich. Dann kam die schlechte Nachricht: \u00bbSie m\u00fcssen nun die Geb\u00fchr bezahlen und das geht leider bei einer bestimmten Bank im Stadtzentrum\u00ab \u2013 sagte der Beamte und steckte mir einen Spickzettel mit der Kontoverbindung zu. Als ich den Zettel mit gro\u00dfen Augen betrachtete, erhob sich im Wartezimmer ein Herr im Anzug und sprach mich auf Englisch an: \u00bbIch bin Ihr Mann. Ich muss auch eine Geb\u00fchr f\u00fcr die Botschaft zahlen. Ich zeige Ihnen, wo das m\u00f6glich ist.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbSehr gerne\u00ab \u2013 freute ich mich \u00fcber das unerwartete Geschenk der G\u00f6tter. Ich dachte schon, ich w\u00fcrde viel Zeit mit der Suche nach der &#8222;Credit du Congo&#8220; Bank verlieren. Die Hilfe meines neuen Freundes ergab sich als sehr wertvoll. Damals wusste ich noch nicht, dass das Auffinden der Bank die Probleme nicht l\u00f6sen w\u00fcrde. Dass man die Geb\u00fchr nur in US-Dollar bezahlen konnte, teilte mir der Angestellte der Botschaft noch freundicherweise mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Wilfrid wusste wirklich Bescheid, wo wir alles finden konnten. Wir fuhren zuerst zur Wechselstube, um uns die Dollars zu besorgen. Dies war bei Western Union m\u00f6glich . Nachdem ich ein Formular mit all meinen pers\u00f6nlichen Angaben ausgef\u00fcllt hatte, konnte ich die CFA in US-Dollar umtauschen. Auch meinen Reisepasse musste ich zum Kopieren abgeben und mitteilen, wozu ich die Dollars verwenden m\u00f6chte. Nach 30 Minuten war es erledigt. Danach fuhren wir zur Bank Credit du Congo, um die Visumsgeb\u00fchr einzuzahlen. Dies war eine wahre Herausforderung, trotz der Anwesenheit eines Einheimischen, der eigentlich Bescheid wissen sollte, wie die Einzahlungsprozedur verlief. Als Erstes zogen wir je eine Wartemarke. Wir schauten auf die Nummern und waren verdutzt: zwischen uns und der Nummer, die auf der Tafel angezeigt wurde, sah es so aus, als ob wir hier Stunden verbringen w\u00fcrden, bis wir dran w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>so standen wir eine Weile herum, bis wir entschieden, an den Infoschalter zu gehen. Wir erhielten erneut Formulare, die wir ausf\u00fcllen sollten. Es scheint, als w\u00e4re es im Kongo nicht so einfach m\u00f6glich, einen Betrag auf fremde Konten einzuzahlen. Man muss ganz sch\u00f6n viele Informationen preisgeben. Als wir die Formulare fertig ausgef\u00fcllt hatten, ergab sich, dass wir am falschen Ort sind. Um US-Dollar einzuzahlen, h\u00e4tten wir einen anderen Eingang im Geb\u00e4ude nehmen m\u00fcssen. Wir entschuldigten uns h\u00f6flich und gingen zum besagten Eingang. Am neuen Ort trafen wir auf eine Empfangsdame, die uns informierte, dass wir erstmal Platz nehmen und warten sollten. Vor uns waren nur etwa 5-6 Personen. Das m\u00fcsste jetzt aber schneller vorangehen \u2013 dachten wir. Eine halbe Stunde sp\u00e4ter waren wir dann auch endlich an der Reihe. Wir betraten ein Zimmer hinter einer abgedunkelten Glaswand. Dort fanden wir unseren Mann &#8211; ca. Ende 60 Jahre alt, im Anzug, mit strengem Gesichtsausdruck. Wir erkl\u00e4rten kurz, was wir wollten. \u00bbHaben Sie das Formular ausgef\u00fcllt und die Scheine kopiert, die sie einzahlen wollen?\u00ab fragte er. \u00bbScheine kopieren?\u00ab schauten wir ihn ungl\u00e4ubig an. Nat\u00fcrlich hatten wir das nicht getan. Also begaben wir uns wieder zur Empfangsdame: \u00bbW\u00e4ren Sie so nett uns die Formulare zum Ausf\u00fcllen zu geben und unsere Scheine zu kopieren\u00ab baten wir h\u00f6flich. Selbstverst\u00e4ndlich fragten wir nicht, warum sie uns das nicht fr\u00fcher sagte, w\u00e4hrend wir nutzlos \u00fcber eine halbe Stunde im Warteraum verbrachten. Wir schauten uns nur an und sch\u00fcttelten den Kopf.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend wir die Formulare ausf\u00fcllten, kopierte sie unsere Dokumente und nat\u00fcrlich die Scheine. Da Wilfrid f\u00fcnf Zwanziger Scheine hatte, kopierte sie jeden einzeln. Bei mir war es schon sinnvoller: ich hatte einen Hunderter und einen F\u00fcnfer, die dann mit viel Sachkenntnis kopiert wurden. Wir fragten uns noch, ob das \u00fcberhaupt legal war, die Scheine zu kopieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Mal durften wir ohne Wartezeit zu unserem Mann und die Einzahlungsprozedur begann: zuerst alle Angaben vom Formular in den PC eintippen, selbstverst\u00e4ndlich mit zwei Finger-System. Dann legte er jedem von uns eine Aktenmappe an, wo er die Formulare und die kopierten Scheine reinlegte. Mit ein klein wenig Sarkasmus dachte ich mir \u00bbJetzt haben wir es geschafft. Es kann sich gerade nur um Stunden handeln, bis alles erledigt ist.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Ich h\u00e4ndigte ihm den Spickzettel mit der Kontonummer von der Botschaft aus. Der Herr tippte die Nummer im System ab: \u00bbDie Nummer ist nicht korrekt. Es fehlt eine Ziffer!\u00ab Wilfrid und ich schauten uns an. \u00bbDas kann nicht sein. Das ist ein offizieller Ausdruck, den wir direkt in der Botschaft erhalten haben\u00ab, versuchte ich den Beamten noch umzustimmen. Nach weiteren 15 Minuten und mehreren Telefonaten, die der Beamte freundlicherweise t\u00e4tigte, konnte die Kontonummer der Botschaft gekl\u00e4rt werden. So zahlten wir die Geb\u00fchren endlich ein, nahmen unsere Quittungen mit und verlie\u00dfen erleichtert die Bank. Es f\u00fchlte sich wie eine wichtige Universit\u00e4tsaufnahmepr\u00fcfung an, die wir gerade bestanden haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck in der Botschaft wurde ich einem wichtigeren Angestellten vorgestellt, der mich interviewen sollte. Nach einem kurzen Gespr\u00e4ch kam er zum Entschluss, dass ich geeignet sei, Angola zu bereisen. Am n\u00e4chsten Tag erhielt ich mein Visum.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angekommen in Brazzaville hatte ich zwei wichtige Aufgaben zu erledigen: das Visum f\u00fcr Angola zu organisieren und zu \u00fcberlegen, wie ich nach Kinshasa bzw. in die Demokratische Republik Kongo einreisen w\u00fcrde. Ersteres sollte leicht zu machen sein \u2013 dachte ich zumindest. 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