{"id":1422,"date":"2020-03-05T11:54:04","date_gmt":"2020-03-05T11:54:04","guid":{"rendered":"https:\/\/wanderlustfirst.eu\/?p=1422"},"modified":"2020-03-05T12:01:36","modified_gmt":"2020-03-05T12:01:36","slug":"5-millionen-neue-grauhaare","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wanderlustfirst.eu\/?p=1422","title":{"rendered":"5 Millionen neue Grauhaare"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Bekanntschaft mit Wilfrid trug bei einer weiteren wichtigen Angelegenheit ihre Fr\u00fcchte. Die beiden Hauptst\u00e4dte Brazzaville und Kinshasa liegen gleich gegen\u00fcber. Um die zwischenstaatlichen Kontakte und den grenz\u00fcberschreitenden Verkehr zu f\u00f6rdern, w\u00fcrde sich eine Br\u00fccke anbieten oder zumindest eine F\u00e4hrverbindung f\u00fcr Fahrzeuge. Es gibt weder das eine noch das andere. Zwischen beiden St\u00e4dte fahren lediglich touristische Kleinboote.<\/p>\n\n\n\n<p>Um die Lage zu checken, ging ich zum Hafen, um zu sehen, ob es da nicht eine Chance geben k\u00f6nnte, mein Motorrad auf das andere Kongo-Ufer zu bringen. Ein Gespr\u00e4ch mit einem Zollbeamten, der gerade seine Sonntagabendschicht absolvierte, ergab, dass man das tats\u00e4chlich organisiert bekommen k\u00f6nnte, es sei aber ziemlich kompliziert und nat\u00fcrlich kostenintensiv. Eine schnelle \u00dcberpr\u00fcfung auf der iOverlander-App ergab, dass es schon fr\u00fcher Leute gab, die dieses Abenteuer wagten. Der Preis variierte um die 200 USD. Ziemlich heftig f\u00fcr eine Fluss\u00fcberquerung. Aber ich war in Afrika und wollte (musste) nach Kinshasa-Kongo einreisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gab nicht allzu viele Alternativen. Eine davon w\u00e4re die \u00dcberquerung der Grenze im Landesinneren (Lwozi-Lufu Grenze). Sie w\u00e4re aber mit extremen Stra\u00dfenkonditionen verbunden gewesen, insbesondere w\u00e4hrend der Regenzeit. Da ich aufgrund meiner Erfahrungen aus Kamerun nun schlauer war, strich ich diese Option schnell aus meiner Liste. Eine andere M\u00f6glichkeit w\u00e4re eine Fahrt nach Pointe Noire an der K\u00fcste und die \u00dcberquerung nach Cabinda (angolische Exklave zwischen der Rep. Kongo und DR Kongo). Von Cabinda kann man dann das Motorrad nach Soyo in Angola verschiffen lassen und selbst in einem kleinen Flugzeug r\u00fcberfliegen. Diese L\u00f6sung kam mir aber etwas umst\u00e4ndlich vor, und so entschied ich mich f\u00fcr die Flu\u00df\u00fcberquerung.<\/p>\n\n\n\n<p>An jenem Tag kam auch mein Freund Wilfrid dazu, um mich im Hafenchaos zu unterst\u00fctzen und einen guten Preis f\u00fcr mich auszuhandeln. Gleich wurden wir von diversen \u201eDienstleistern\u201c angesprochen, oder zutreffender gesagt \u201eumzingelt\u201c. Einer davon bot einen guten Preis an: 75.000 CFA (umgerechnet 115 EUR). Mehrfaches Nachfragen, ob es sich dabei um den endg\u00fcltigen Preis f\u00fcr die ganze Prozedur handelt, wurde jedes Mal mit Nachdruck bejaht. Sp\u00e4ter ergab sich das als eine unversch\u00e4mte L\u00fcge. Dazu aber sp\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Kl\u00e4rung und Auszahlung des Preises begannen wir mit der B\u00fcrokratie: Ausreisestempel, Ausf\u00fcllen diverser Formulare, Abstempeln des Zolldokuments (Carnet de Passage). Ich gab meinen Reisepass ungern aus der Hand, aber Wilfrid meinte, dass dies in Ordnung sei. Ich hatte keinen Grund, Wilfrid nicht zu vertrauen. Und in der Tat: w\u00e4hrend ich mich um das Carnet k\u00fcmmerte, erledigten die \u201eHelfer\u201c die Ausreiseangelegenheiten. Nach ca. 1,5 oder vielleicht gar 2 Stunden waren wir soweit und konnten mit dem Beladen beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich fuhr mit dem Moped an das Boot heran und staunte. Das Boot konnte mein Bike unm\u00f6glich beherbergen! Wo denn auch? Es war ein einfaches Passagierboot mit Sitzpl\u00e4tzen f\u00fcr etwa 10 bis 12 Leute, die ihr Gep\u00e4ck auf dem Schoss halten mussten. Vorne auf dem Bug gab es noch etwas freie Fl\u00e4che. Sie schien aber viel zu klein, um ein 300kg-Bike unterzubringen. Au\u00dferdem fehlte eine Rampe um das Motorrad auf das Boot zu verladen. Es gab auch keinen Kran, der die Maschine hochheben und sicher auf das Boot h\u00e4tte legen k\u00f6nnen. Und da war noch die hohe Reling, die eindeutig im Weg stand.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf einmal stand eine Gruppe von M\u00e4nnern in Fu\u00dfballmannschaftsst\u00e4rke um mich herum, allersamt in t\u00fcrkisfarbenen Kitteln. Als ich erkannte, was sie vorhatten, lief mir ein kalter Schauer \u00fcber den R\u00fccken: die wollten tats\u00e4chlich das schwere Bike \u00fcber die Reling auf das Boot hieven. F\u00fcr mich gab es keinen R\u00fcckzieher mehr. Ich musste mich dem Schicksal ergeben. So baute ich die Koffer ab und \u00fcberlie\u00df mein Bike, meinen besten Freund, Gef\u00e4hrten und Lebensretter, in die \u201ebrutalen\u201c H\u00e4nde der Hafenmitarbeiter. Sie packten es von allen Seiten an, so dass es keinen freien Raum mehr um das Motorrad herum gab. Die Ladeprozedur begann. Ich schaute von der Seite zu und begann das ganze mit meinem Handy zu filmen. Ich dachte in diesem Moment nur daran: \u201eWenn sie es in den Kongofluss schmei\u00dfen, dann habe ich zumindest alles auf dem Video. K\u00f6nnte der Videoverkauf an Fernsehsender ausreichen, um sich ein neues Moped zu leisten? Schei\u00dfe! Da war noch meine Kamera mit den Zeiss-Objektiven im Tankrucksack. Und der Tankrucksack war immer noch auf dem Tank befestigt! In dem Wirrwarr habe ich nicht dran gedacht, den Rucksack abzunehmen!\u201c Meine H\u00e4nde begannen zu zittern. \u201eJetzt blo\u00df nicht das iPhone fallen lassen! Das w\u00e4re der ultimative Super-GAU: das Bike gefilmt, wie es in den Kongofluss reinf\u00e4llt, und dann flutscht mir das Handy auch noch ins Wasser! Vielleicht h\u00e4tte ich Wilfrid bitten m\u00fcssen, auch mich zu filmen wie ich filme?\u201c, dachte ich noch und dr\u00fcckte das Handy noch st\u00e4rker in die Hand. Das ganze dauerte h\u00f6chstens drei, vier Minuten \u2013 f\u00fchlte sich aber wie Stunden an. Ich schaute hilflos zu und st\u00f6hnte immer wieder. Ich gab Ger\u00e4usche von mir, die ich so nicht kannte. Es war eine Mischung aus Hilflosigkeit und einer kleinen Portion Hoffnung, dass das ganze vielleicht doch noch klappt. Dann blieb das Moped mit dem Kupplungshebel an der Reling h\u00e4ngen. Mein Herz raste auf 180. \u201eV\u00f6llig unn\u00f6tig\u201c, versuchte ich mich selbst zu tr\u00f6sten: \u201eIch habe doch die Ersatzteile dabei\u201c. Irgendwann war das Motorrad drauf. Ich atmete erleichtert aus. Dieser Moment hielt allerdingsn nur kurz ab. Die M\u00e4nner wollten gleich ihre Bezahlung. \u00bbWie jetzt? Ich habe doch schon bezahlt\u00ab, ich schaute den Typen an, der das Geld von mir bereits f\u00fcr die \u00dcberfahrt kassiert hatte. \u00bbDu musst sie jetzt bezahlen\u00ab, sagte er mit ernstem Gesicht. Ich hatte keine Wahl. Um mich herum standen so viele M\u00e4nner, dass sie sicherlich in der Lagen gewesen w\u00e4ren, ein Nachbardorf zu \u00fcberfallen oder einen kleinen Krieg zu gewinnen. Diese M\u00e4nner schauten mich erwartungsvoll an. Sie h\u00e4tten mit hoher Wahrscheinlichkeit immer noch genug Kraft und Energie \u00fcbrig, um das Motorrad wieder vom Boot zu heben und es gleich dann in den Fluss zu werfen. \u00bbWas wollt Ihr haben?\u00ab, fragte ich. \u00bb20.000 CFA\u00ab antwortete der Gruppenvorsteher. Nun haben wir eine Weile verhandelt. Wilfrid half dabei, so dass ich am Ende 10.000 CFA zahlen musste, umgerechnet 15 Euro. Ich verabschiedete mich von Wilfrid, der mir noch zuwarf, dass ich dem Typen nicht trauen sollte, der das ganze hier organisiert und der von mir die ganze Geb\u00fchr bereits kassiert hatte. Das wusste ich jetzt nur zu gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00dcberfahrt nach Kinshasa dauerte magere 15 Minuten. Angekommen, begann das ganze Chaos wieder von Vorne. Im Gegensatz zu Brazzaville gab es in Kinshasa noch chaotischere Verh\u00e4ltnisse: die Tr\u00e4ger stritten sogar, wer von Ihnen dabei helfen durfte! Die Hafenpolizei musste einschreiten, ein Polizist schnappte sich immer wieder einen Mann und zog ihn vom Bike weg. Die Leute beschimpften und schubsten sich gegenseitig. Am Ende stand das Bike wieder auf dem Festland, ich war komplett durchgeschwitzt aber gl\u00fccklich, dass ich es \u00fcberstanden hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ganze Geschehen beobachtete ein wichtig aussehender Polizist, der immer wieder anderen Polizisten Befehle zuwarf. \u201eDen muss ich auf meiner Seite haben\u201c, dachte ich noch. In dem Chaos brauche ich jemanden, der genug Autorit\u00e4t besitzt, um die anderen von mir fern zu halten. Wie ich h\u00f6rte, wird man im Hafen von Kishasa von H\u00e4ndlern und M\u00f6chte-gern-Helfern massiv bel\u00e4stigt. Das zahlte sich sehr aus! Der \u201eHauptmann\u201c war auch willig, mir zu helfen. Er brachte mich durch diverse dunkle Ecken und Winkel zu den richtigen Immigrations-B\u00fcros, die ich selbst wahrscheinlich nur mit M\u00fche gefunden h\u00e4tte. Dann half er mir die restlichen CFA in die kongolesischen Franks umzutauschen und besorgte mir sogar eine Sim-Karte f\u00fcr mein Telefon. Als ich die lokale W\u00e4hrung umtauschte, staunte ich verdutzt: f\u00fcr den Wert von ca. 100 Euro erhielt ich einen dicken B\u00fcndel von Franks. Die gr\u00f6\u00dfte Banknote ist in H\u00f6he von 1000 Franks, also umgerechnet gerade mal ca. 0,55 Euro &#8211; da braucht der Geldbeutel ja R\u00e4der, wenn man Lebensmittel f\u00fcr eine Woche einkaufen geht!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war sehr froh, den Hauptmann als Helfer und Besch\u00fctzer an meiner Seite zu haben! Denn der Organisator der \u00dcberquerung lief mir die ganze Zeit nach. Die Tr\u00e4ger bei der Ankunft musste ich nat\u00fcrlich wieder selbst bezahlen und der Typ hatte die Unversch\u00e4mtheit nach mehr Geld zu fragen! Sein Plan war es, mir bei der ganzen \u201eB\u00fcrokratie\u201c in Kinshasa zu \u201ehelfen\u201c. Bl\u00f6d f\u00fcr ihn, dass ich dann den Hauptmann dabei hatte. Und als ich meinem neuen Polizistenfreund sagte, dass ich den Kerl bereits bezahlt habe, schrie er ihn an und verjagte ihn auf der Stelle. \u201eGut so\u201c, dachte ich mir schadenfroh.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun war ich bereit zur Weiterfahrt. Ich begutachtete mein Motorrad und stellte fest, dass alles in Ordnung war, bis auf die verstellten Seitenspiegel. Ein Wunder ist geschehen! Ich gab meinem Hauptmann 5 Euro Aufwandsentsch\u00e4digung und fuhr davon. Ein paar H\u00e4ndler wollten mir noch ihre schreienden H\u00fchner, Bananen und sonstiges Gem\u00fcse verkaufen. Ich l\u00e4chelte freundlich, winkte zu und war weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte nicht vor, lange in Kinshasa zu bleiben. Meine Couch-Surfing-Anfrage wurde nicht beantwortet und ich sah dies nicht als Schicksalsschlag. Ich hielt noch kurz in der Stadt, ging zum chinesischen Restaurant, bestellte ein St\u00fcck Grillente sowie ein Tonic Water. Die Rechnung in H\u00f6he von 30 US-Dollar best\u00e4rkte mich in der Annahme, dass ich doch schnellstm\u00f6glich nach Angola fahren sollte. Was f\u00fcr ein Kontrast! Auf der Stra\u00dfe betteln Kinder f\u00fcr ein St\u00fcck Brot und man zahlt beim Chinesen 30 Dollar f\u00fcr Lunch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bekanntschaft mit Wilfrid trug bei einer weiteren wichtigen Angelegenheit ihre Fr\u00fcchte. Die beiden Hauptst\u00e4dte Brazzaville und Kinshasa liegen gleich gegen\u00fcber. Um die zwischenstaatlichen Kontakte und den grenz\u00fcberschreitenden Verkehr zu f\u00f6rdern, w\u00fcrde sich eine Br\u00fccke anbieten oder zumindest eine F\u00e4hrverbindung f\u00fcr Fahrzeuge. Es gibt weder das eine noch das andere. 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