{"id":437,"date":"2019-11-02T20:12:05","date_gmt":"2019-11-02T20:12:05","guid":{"rendered":"https:\/\/wanderlustfirst.eu\/?p=437"},"modified":"2019-11-06T13:18:50","modified_gmt":"2019-11-06T13:18:50","slug":"der-engel-von-benin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wanderlustfirst.eu\/?p=437","title":{"rendered":"Der Engel von Benin"},"content":{"rendered":"\n<p>Am 21. Oktober kam ich in Benin zu sp\u00e4ter Stunde an. Die Vorgabe, niemals bei Nacht Afrika zu befahren, wurde von mir wieder einmal missachtet. Dieses Mal ging es aber gar nicht anders. Die \u201eFreude\u201c, Grenzen in Afrika zu \u00fcberqueren, durfte ich an diesem Tag gleich zwei Mal erleben. Und das dauerte immer seine Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>In Empfang nahm mich Basia. Sie hei\u00dft eigentlich Barbara, wird aber von den Kindern und Freunden in der polnischen liebevollen Variante \u201eCiocia Basia\u201c (Tante Basia) genannt. <\/p>\n\n\n\n<p>Basia lebt seit \u00fcber sechs Jahren in Benin . Bevor sie sich dort fest niedergelassen hat, reiste sie sehr viel durch Afrika. Die Liebe zum Kontinent entdeckte sie schon in jungen Jahren. Sie m\u00fcndete \u2013 wie so oft \u2013 in Liebe zu einem Mann. Sie heiratete Kangni aus Grand Popo. Eines Tages im Jahre 2013 entschied sie, dass das Leben in Warschau doof sei und au\u00dferdem lebte ihr Ehemann weit weg in Benin. Sie sah ihn nicht so oft, wie sie sich das w\u00fcnschte. Sie packte also ihre Koffer und zwei Wochen nach ihrer Erleuchtung und der Lebenserkenntnis zog sie nach Grand Popo um. <\/p>\n\n\n\n<p>In Warschau trainierte Barbara Erwachsene, um sie zu besseren Versicherungsverk\u00e4ufern zu machen. In Benin fing sie dann auch mit einer didaktischen T\u00e4tigkeit an und fuhr jeden Tag 90km nach Cotonou, der gr\u00f6\u00dften Stadt von Benin, um dort in einer Schule zu unterrichten. Irgendwann war ihr diese Fahrerei zu viel. Dies kann ich sofort aus eigener Erfahrung best\u00e4tigen. Vor ein paar Tagen fuhr ich zum kongolesischen Konsulat nach Cotonou. Es war nicht nur sehr weit. Es war vor allem gef\u00e4hrlich: kaputte Stra\u00dfen, verr\u00fcckte Moped-Fahrer, dichter Verkehr&#8230; au\u00dferdem steht die Stadt in der Regenzeit unter Wasser. In der K\u00fcstenstadt, umgeben von Wasser, sammeln sich riesige Wasserpf\u00fctzen auf den Stra\u00dfen. Die Nebenstra\u00dfen sehen noch schlimmer aus: alles steht oder f\u00e4hrt im Wasser. <\/p>\n\n\n\n<p>Doch Barbara erkannte sehr schnell, dass der Bedarf an Lehrern, vor allem aber die Unterst\u00fctzung der bed\u00fcrftigen Kinder in ihrem Dorf Grand Popo sehr gro\u00df war. Sie sah, dass viele Kinder hungrig zur Schule kamen, dass sie sich keine Schuluniformen leisten konnten. Es fehlte an grunds\u00e4tzlicher Ausstattung in den Schulen. Nicht selten wurden die Lehrer nicht nur schlecht, sondern oft gar nicht bezahlt. Barbara war klar, dass sie die Kinder nicht sofort und nicht alle gleich retten konnte. Sie z\u00f6gerte aber nicht und gr\u00fcndete die Stiftung EDU Afryka, damit sie in ihrer Heimat, in Polen, Spenden sammeln und F\u00f6rderer gewinnen konnte. So hatte sie eine M\u00f6glichkeit gefunden, den Kindern in Grand Popo zu helfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis heute hat sich die Eine-Frau-Stiftung etabliert und feste F\u00f6rderer gewonnen. Barbara k\u00fcmmert sich dank der Spender aus Polen direkt um ca. 60 Kinder aus \u00e4rmsten Verh\u00e4ltnissen. Sie organisiert Kantinen in den lokalen Schulen, damit die Kinder w\u00e4hrend des Unterrichts essen k\u00f6nnen. In den Kantinen kochen oft die M\u00fctter der \u00e4rmsten Kinder, die dadurch regelm\u00e4\u00dfig Geld verdienen k\u00f6nnen. EDU Afryka organisiert auch Schuluniformen f\u00fcr die Kinder sowie Sportbekleidung f\u00fcr die \u00c4rmsten. Barbara opfert den Kindern viel Zeit. Sie bringt ihnen Kreativit\u00e4t bei: sie organisiert Kunstunterricht, in welchem sie sich malerisch austoben k\u00f6nnen. Bei ihr z\u00e4hlt: je schr\u00e4ger die Bilder, umso besser. Denn der \u201enormale\u201c Unterricht scheint nach gewissen Mustern zu verlaufen, die die Kreativit\u00e4t und Eigeninitiative der Sch\u00fcler nicht unbedingt f\u00f6rdert. <\/p>\n\n\n\n<p>Als ich nach Grand Popo kam, engagierte mich Barbara sofort f\u00fcr ihre Kinder. Ich durfte als Thema, Objekt, Instruktor, Geschichtserz\u00e4hler und Vorbild als Traveller fungieren. Sie sagt, dass solche Chancen, den Kindern etwas au\u00dfergew\u00f6hnliches zu pr\u00e4sentieren, viel wert sei! Das macht sie mit vielen Besuchern, die den weiten Weg nach Grand Popo finden und etwas zu erz\u00e4hlen haben. F\u00fcr mich war das eine der wertvollsten und gro\u00dfartigsten Erfahrungen, die ich je machen durfte. Ich machte es sehr, sehr gern. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Kinder von Grand Popo haben oft unglaubliche und sehr traurige Geschichten zu erz\u00e4hlen. Zu den Kindern, um die sich Basia k\u00fcmmert, geh\u00f6rt L\u00e8once. Er kam in das Dorf als er ca. acht Jahre alt war &#8211; keiner wei\u00df jedoch genau, wie alt er ist. Sein Vater brachte ihn zur Oma, weil er nicht in der Lage war, sich um den Jungen zu k\u00fcmmern. Seitdem gibt es keinen Kontakt mehr zu ihm. Der Junge zog in die bescheidene Fischerh\u00fctte der Oma am Strand ein. Sp\u00e4ter ergab sich L\u00e8once als ein begabtes Kind. Als er vor ein paar Monaten kam, sprach er die lokale Sprache nicht. Jetzt spricht er sie flie\u00dfend. In der Schule macht er sich auch sehr gut. So kann sich vieles zum Guten wenden: er hatte einen schwierigen Start. Als kleines Kind litt er unter Unterern\u00e4hrung: angeschwollenes Gesicht, Bauch und Beine. Das sieht man ihm jetzt auf den ersten Blick nicht mehr an, aber wer diese Krankheit gut kennt, erkennt ihre Spuren sofort. <\/p>\n\n\n\n<p>Edu Afryka k\u00fcmmert sich auch um die Geschwister Felix, Gb\u00e9dassi und Fid\u00e9le. Als sie unter die Obhut der Stiftung kamen, waren sie 14, 9 und 6 Jahre alt. Der Vater ist gestorben, die Mutter bekam einen Job als Haushalthilfe im Norden Benins und ist gegangen. Um die Kinder k\u00fcmmert sich seitdem ihre Oma. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt weitere Beispiele: <\/p>\n\n\n\n<p>Eric und seine Mutter Adjika wurden aus dem Haus der Familie des Vaters rausgeworfen, als dieser starb. Solche Trag\u00f6dien gibt es sehr viele. Auch als der Vater von Rene und Lazare starb, verlor die Familie die Existenzgrundlage, da der Vater einen festen Job hatte. Danach \u00fcbernahm die Mutter die Verantwortung und z\u00f6gerte nicht, die schwersten Arbeiten anzunehmen, z.B. als Tr\u00e4gerin von Sand.  Auf einer Baustelle schleppte sie stundenlang Sands\u00e4cke auf ihrem Kopf. Im Falle der achtj\u00e4hrigen Marielle \u00fcbernahm zuerst der Vater die Verantwortung als sich die Eltern trennten. Seit drei Jahren k\u00fcmmert sich jedoch die Schwester des Vaters um Marielle. Der Vater f\u00fchlte sich \u00fcberfordert und verschwand. Oft meint es das Schicksal besonders b\u00f6se mit den Menschen hier, wenn noch eine Krankheit das Leben erschwert. Guezo, die Mutter von der 6-j\u00e4hrigen Bellevida arbeitete in so schwierigen Konditionen, dass sie schwer erkrankte. Besonders bitter, weil sie alleinerziehende Mutter ist. Durch die Arbeit als Hilfskraft auf dem Acker, bei der sie st\u00e4ndig der prallen Sonne ausgesetzt war, erkrankten ihre Augen. Ein Auge kann sie nicht mehr \u00f6ffnen, ihre H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe sehen schrecklich aus.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Schicksale lassen Basia nicht gleichg\u00fcltig. Dank ihrer Arbeit und der Unterst\u00fctzung ihrer F\u00f6rderer m\u00fcssen diese Kinder nicht hungern, haben Schuluniformen, Sportbekleidung und Schulunterricht. <\/p>\n\n\n\n<p>Ich durfte sie alle kennen lernen. Sie alle lachen, spielen und besuchen flei\u00dfig die Schule. Sie haben jetzt eine reale Chance auf Bildung und ein besseres Leben. Kein Wunder, dass sie Basia verg\u00f6ttern und mit Begeisterung am Kunstunterricht teilnehmen. Selbst an einem Wochenende. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 21. Oktober kam ich in Benin zu sp\u00e4ter Stunde an. Die Vorgabe, niemals bei Nacht Afrika zu befahren, wurde von mir wieder einmal missachtet. Dieses Mal ging es aber gar nicht anders. Die \u201eFreude\u201c, Grenzen in Afrika zu \u00fcberqueren, durfte ich an diesem Tag gleich zwei Mal erleben. 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