{"id":529,"date":"2019-12-09T07:51:17","date_gmt":"2019-12-09T07:51:17","guid":{"rendered":"https:\/\/wanderlustfirst.eu\/?p=529"},"modified":"2019-12-09T07:51:22","modified_gmt":"2019-12-09T07:51:22","slug":"piraten-oder-separatisten-oder-entfuehrer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wanderlustfirst.eu\/?p=529","title":{"rendered":"Piraten oder Separatisten oder Entf\u00fchrer?"},"content":{"rendered":"\n<h5>Der steinige Weg nach Kamerun<\/h5>\n\n\n\n<p>Nigeria wollte mich nicht so einfach gehen lassen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nun gab es drei Optionen f\u00fcr mich, nach Kamerun zu gelangen. Die meisten Motorradfahrer entscheiden sich f\u00fcr den Seeweg: man mietet ein kleines Boot, l\u00e4sst das Moped von mehreren starken M\u00e4nnern darauf tragen und verbringt dann ein paar Stunden in der Bucht von Guinea auf hoher See. Der Start ist von Calabar in Nigeria und man landet dann in Kamerun, in der N\u00e4he von Douala, der gr\u00f6\u00dften Stadt des Landes.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Option gefiel mir vom Anfang an nicht. Erstens h\u00f6rte ich bisher nur vom Transport leichterer Motorr\u00e4der, meine Maschine bringt allerdings wesentlich mehr auf die Waage, um einfach in die Luft gehoben und auf ein kleines Boot gebracht zu werden (sp\u00e4ter in Kongo ergab sich: das geht wohl doch). Dann h\u00f6rte ich von einem bekannten Biker, dass er selbst statt sechs Stunden sechzehn Stunden auf dem Boot unterwegs war! Er meinte, dass er das nie wieder machen w\u00fcrde. Es sei eine schreckliche Erfahrung gewesen: er fror, hungerte und zitterte bei hohem Wellengang um sein Leben. Dann kam noch in den Nachrichten eine Meldung von BBC, dass ein norwegischer Frachter gerade wenige Tage zuvor von Piraten entf\u00fchrt wurde: direkt vor der K\u00fcste von Benin. Die Bucht von Guinea gilt seit einigen Jahren als Hotspot der weltweiten Piraterie, laut International Maritime Bureau. Ich dachte zwar nicht, dass das kleine Motorrad-Transportboot ein Leckerbissen f\u00fcr die Piraten werden w\u00fcrde, aber jede Ausrede war gut, um sich doch f\u00fcr den Landweg zu entscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es also nicht die Piraten sind, die auf die Reisenden von Nigeria nach Kamerun warten, dann sind es die Separatisten. Direkt nach der Grenze in Ekok beginnt das Separatistengebiet, das sog. Ambazonien. Ich muss ehrlich gestehen: bevor ich nach Afrika kam, hatte ich nie von der Republik Ambazonia geh\u00f6rt. Es ist ein Gebiet im Westen Kameruns, bewohnt von der anglophonen Bev\u00f6lkerung Kameruns, ca. 20% der 25 Mio. Einwohner. Die englischsprachigen Kameruner f\u00fchlten sich seit Jahrzehnten unterdr\u00fcckt und marginalisiert durch die Regierung in Yaound\u00e9 . Die Protestwelle startete 2016. Im Jahr darauf wurde die Republik Ambazonia ausgerufen. Die Zentralregierung weist alle Autonomiebestrebungen zur\u00fcck. Auch auf internationaler Ebene wurde Ambazonien nicht anerkannt. Seitdem herrschen in den anglophonen Regionen im Nord- und S\u00fcdwesten b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnliche Zust\u00e4nde. Laut der UN (Amt f\u00fcr Koordinierung humanit\u00e4rer Angelegenheiten) sind ca. eine halbe Millionen Menschen auf der Flucht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Durch dieses Gebiet f\u00fchrt also der \u201eeinfachste\u201c Weg von Nigeria nach Kamerun, mit dem Grenz\u00fcbergang in Ekok. Ich plante tats\u00e4chlich auch diesen Weg zu nehmen. Und zwar nicht, weil ich lebensm\u00fcde bin, sondern weil ich h\u00f6rte, dass es machbar w\u00e4re. Erstens h\u00f6rte ich von anderen Reisenden, dass man von den Separatisten zwar gestoppt wird, aber nichts zu bef\u00fcrchten hat, au\u00dfer einen intensiven Waffenanblick. Au\u00dferdem sind das keine Terroristen, sondern Freiheitsk\u00e4mpfer, die zu den Waffen griffen, weil sie sich den Unterdr\u00fcckern widersetzen wollten. Dazu sprachen sie noch eine Sprache, in der ich mit ihnen kommunizieren k\u00f6nnte. Ich war mir fast sicher, dass wir uns gut verstehen w\u00fcrden. Dar\u00fcber hinaus: ein Kontakt aus der nigerianischen Biker-Szene vermittelte mir einen Helfer, der an dieser Grenze wohnt und der bereit w\u00e4re, mich zu begleiten. Mit dieser positiven Einstellung fuhr ich also Richtung Ekok.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der geplanten Grenz\u00fcberquerung \u00fcbernachtete ich in der Stadt Imok. Dort wohnt auch der hilfsbereite Biker Mohammed, mit dem ich dann kurz nach meiner Ankunft telefonierte und mich f\u00fcr den n\u00e4chsten Morgen verabredete.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Doch die Entwicklungen nahmen eine andere Wende. Am n\u00e4chsten Morgen fuhr ich zur Grenze, um mich mit Mohammed zu treffen. Wie das halt so in Afrika l\u00e4uft: er erschien nicht und meine Anruf blieben unbeantwortet. Kurz entschlossen fuhr ich dann alleine zur Grenze, in der Hoffnung, sie im Alleingang passieren zu k\u00f6nnen. Die nigerianischen Beamten waren echt nett, aber z\u00f6gerlich. Ich m\u00fcsse erst zur kamerunischen Seite laufen und fragen, ob ich reingelassen werde, bevor ich ein Ausreisestempel bekomme. So parkte ich mein Moped direkt vor dem nigerianischen Polizeiposten und lief zu Fu\u00df \u00fcber die Grenzbr\u00fccke nach Kamerun. Dann kam die Entt\u00e4uschung: wegen der angespannten Sicherheitslage werden keine Touristen reingelassen. Nur der Grenzverkehr bis zur n\u00e4chsten Stadt wird bedient.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Es blieb mir also nicht anderes \u00fcbrig, als mich aufs Moped zu setzen, in den Norden zu fahren, und die letzte Option in Erw\u00e4gung zu ziehen: die Umrundung von Ambazonien und der Versuch, die Grenze in den Bergen zu passieren, die wegen zwei Sachen ber\u00fcchtigt war: Entf\u00fchrungen und extrem schlechte Wege, inklusive br\u00fcckenlose Fluss\u00fcberquerungen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Vor der Grenz\u00fcberquerung musste ich noch einen ungeplanten Notaufenthalt anlegen: einen abgebrochenen nigerianischen Hausschl\u00fcssel aus meinem deutschen Reifen rausholen und das Loch stopfen. Diese Operation gelang mir ziemlich gut und ich konnte meine Reise am n\u00e4chsten Morgen fortsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Fahrt Richtung Gembu, einem Dorf, ca. 70 km von der Grenze entfernt, verlief ohne spezielle Vorkommnisse. Ich wurde nicht entf\u00fchrt und musste mich nur vor korrupten Polizisten und Soldaten behaupten. Darin war ich aber schon ge\u00fcbt und erz\u00e4hlte immer wieder die Story von meiner gro\u00dfartigen Weltreise durch Afrika, wie toll ich die Polizeibeamten in Nigeria finde und dass ich ein Buch \u00fcber meine Erfahrungen schreiben werde. Das Geheimrezept ist einfach so viel wie m\u00f6glich erz\u00e4hlen, die Leute nicht zu Wort kommen lassen. Irgendwann gibt jeder Polizist auf und w\u00fcnscht Dir eine gute Weiterfahrt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Und das Problem mit den Entf\u00fchrungen scheint im Moment gel\u00f6st zu sein. Durch die gro\u00dfe Polizeipr\u00e4senz (doch ein positives Beispiel f\u00fcr die Polizeiarbeit in Nigeria!) fanden schon seit l\u00e4ngerem keine Entf\u00fchrungen mehr statt. Doch noch vor einem Jahr schrieb eine Bloggerin:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>\u201eBetween Katsina Ala and Takum kidnappings are taking place!! Locals and foreigners are at aim. Ransom for locals 1 Million, for foreigners 15 Million Naira. Police is highly concerned. We were escorted by 5 armed men, payed 20.000 N for escort. Being escorted, we gave three guys a lift to Takum who had been held as hostages for 11 days and were heading home after ransom was payed by family members. Danger seems to be real!\u201c (orig. Schreibw.)<\/p><cite>Laura Pfaelzner (Quelle: iOverlander)<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Vorgewarnt fragte ich an jedem Polizeiposten, wie die Lage ist. Alle versicherten mir, dass der Weg sicher sei und ich sorgenlos weiterfahren k\u00f6nne. So fuhr ich weiter und erreichte am Abend das Dorf Wakili Buba kurz vor Gembu.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg nach Kamerun ab Wakili Buba ist nat\u00fcrlich nicht ausgeschildert. Auf GoogleMap oder Maps.me findet man mehrere Wege, die nach Kamerun f\u00fchren. Aber welcher ist der richtige? Welcher hat bessere und vor allem befahrbare Strecken? Wo sind die befahrbaren Fl\u00fcsse? Wo gibt es weniger schmale klappernde Holzbr\u00fccken? Wo gibt es D\u00f6rfer mit Menschen, die dir weiterhelfen k\u00f6nnen? Als Tourist hast du nat\u00fcrlich keine Ahnung und wei\u00dft nicht mal, wo du anfangen sollst. So stand ich ahnungslos in der Mitte von Wakili Buba und \u00fcberlegte, was ich machen soll. Nach ca. 3 Minuten hatten sich bereits zehn, f\u00fcnfzehn \u201eZuschauer\u201c versammelt, die sich fragten, was der Fremde hier \u00fcberhaupt will. Da die meisten auf ihren eigenen kleinen chinesischen Bikes sa\u00dfen, kam ich auf die Idee, Profit davon zu schlagen: ich fragte in die Runde, wer den Weg nach Kamerun kennt. Ich bot Geld an und prompt meldete sich einer, der mich leiten wollte. Wir vereinbarten 5000 Naira (ca. 12\u20ac) und ich folgte meinem neuen Freund Ahmed ins Ungewisse.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Entscheidung, einen Guide zu haben, war wirklich jeden Cent wert. W\u00e4hrend der ca. f\u00fcnfst\u00fcndigen Fahrt bis zur Grenze war Ahmed nicht nur mein Wegweiser, sondern auch Helfer beim Motorrad-Hochheben, als ich auf Steinen fiel, was leider immer wieder passierte. Auf einem besonders schwierigen und steinigen Abschnitt, als ich einen Berg hochfahren musste, rief er sogar noch weitere Jungs aus dem Dorf, welches wir gerade passierten, zur Hilfe. Obwohl er sich gut auskannte, musste er auch selbst ab und zu fragen, welcher Abschnitt gerade befahrbar war. Ich h\u00e4tte mich alleine wahrscheinlich mehrfach verfahren. Oder h\u00e4tte es nie nach Kamerun geschafft&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Grenze an sich war zur Abwechslung nicht besonders schwierig oder kompliziert. Nette und kompetente Beamten auf beiden Seiten. Dann wurden aber die restlichen 30 km auf der kamerunischen Seite nicht leichter: es war genauso steinig und nass wie in Nigeria. Mit \u201enass\u201c meine ich drei Fluss\u00fcberquerungen, davon zwei doch relativ leicht.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Mit gro\u00dfer Erleichterung erreichte ich gegen 16:00 Uhr das Tagesziel: das St\u00e4dtchen Banyo. Und es gab dort sogar eine asphaltierte Stra\u00dfe! Nach acht Stunden offroad war ich heilfroh, endlich wieder eine glatte Stra\u00dfe unter meinen R\u00e4dern zu f\u00fchlen!<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Offroad-Abenteuer in Kamerun war aber noch nicht zu Ende. Am n\u00e4chsten Morgen wollte ich von Banyo nach Foumban fahren &#8211; nochmals 150 km super schlechte Stra\u00dfen vor mir. Immerhin gab es keine br\u00fcckenlose Fluss\u00fcberquerungen, keine S\u00fcmpfe zu passieren, aber daf\u00fcr Stra\u00dfenabschnitte, die noch nie Asphalt gesehen hatten und nur durch Wettereinfl\u00fcsse geformt wurden. Nicht sehr gelungen&#8230; Das Ergebnis: f\u00fcr diese 150km lange Strecke ben\u00f6tigte ich mal wieder 8 Stunden.<br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcberquerung der Grenze zwischen Nigeria und Kamerun: auf dem Motorrad<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":true,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":false,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","enabled":false}}},"categories":[8,48,44,4],"tags":[5,50,51,49,45],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_likes_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/pbd5ZF-8x","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wanderlustfirst.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/529"}],"collection":[{"href":"https:\/\/wanderlustfirst.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wanderlustfirst.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wanderlustfirst.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wanderlustfirst.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=529"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/wanderlustfirst.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/529\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":537,"href":"https:\/\/wanderlustfirst.eu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/529\/revisions\/537"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wanderlustfirst.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=529"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wanderlustfirst.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=529"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wanderlustfirst.eu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=529"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}