Gestern hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben die Gelegenheit, in einer Schule aufzutreten. Ich wurde gebeten, den 60 Schülern des Collège d’Excellence von meiner Reise zu erzählen. Es handelt sich hier um die beste Schule in Grand Popo, einem malerischen Dorf direkt an der Küste der Bucht von Benin.
Die Schule präsentierte sich in der Tat imposant im Vergleich zu den anderen Schulen im Dorf. Sie wurde vor wenigen Jahren erbaut, mit Unterstützung von chinesischen Fördermitteln. Das war ja auch nicht zu übersehen: eine große gezeichnete chinesische Fahne gleich am ersten Schulgebäude, gut sichtbar von der Straße. Insgesamt standen auf dem Schulgelände vier gleiche Häuser, angeordnet in Form eines Quadrats. Die Flagge von Benin flatterte an einem Mast direkt in der Mitte des Schulhofes. Im ersten Haus gibt es Räume für die Lehrer, im zweiten befinden sich Klassenzimmer, im dritten die Kantine und im vierten … ja, das ist die spannende Geschichte: Dort stehen 30 Computer, die der chinesische Staat dieser Schule öffentlichkeitswirksam schenkte. Es gab eine Feier, Politiker und Vertreter der Sponsoren kamen und posierten für Fotos. Die Kinder klatschten begeistert in die Hände, die Eltern waren stolz darauf, ihre Kinder ausgerechnet dieser Schule anvertrauen zu dürfen.
Es gibt nur ein winziges Problem mit den Computern. Die Schule ist nicht an das örtliche Stromnetz angebunden. Ja, richtig verstanden: Die Schule hat keinen Strom und die Computer liegen seit zwei Jahren originalverpackt in den Kartons und gammeln vor sich hin. Irgendwann ist das Betriebssystem der Rechner sicherlich nicht mehr aktuell. Der Schulleiter schwört zwar, dass es seine erste Priorität ist, die Schule mit Strom zu versorgen. Aber ich hörte, dass er das schon seit zwei Jahren tue. Ergebnislos. Das Collège d’Excellence strahlt mit Unterrichtsqualität – leider nicht im IT-Bereich.
Nun aber zurück zu meiner „Hour of Glory“. Ich sollte mit dem Motorrad zur Schule kommen: als der „Große Traveller“, der den Kindern aus erster Hand von seinen Abenteuern erzählt. So zog ich meine ganze Reisebekleidung an und fuhr mit dem Moped zur Schule.
Ich parkte noch vor dem Schulgelände, weil der Unterricht noch nicht vorbei war. Ich hatte vor, meinen Auftritt entsprechend beeindruckend zu gestalten. Ich stellte mir vor: Die Kinder warten im Hof, ich fahre in die Mitte des Hofes rein, gebe kurz Gas, klappe den Seitenständer aus, steige langsam und zielsicher ab, nehme den Endurohelm ab – die Kinder klatschen begeistert.
Doch es kam ganz anders. Der Schulleiter hatte einen anderen Plan. Er wollte den Ruhm selbst ernten. So kam er zu mir. Ohne nach Erlaubnis zu fragen, sprang er auf mein Motorrad und machte Anstalten, es zu starten. Ich zögerte kurz. Um ehrlich zu sein: Der „Ruhm“ war mir vollkommen egal. Ich hatte Angst um mein Motorrad. Das Ding wiegt ordentlich und der Schulleiter sah nicht so aus, als ob er seine Freizeit im Fitnessstudio verbringen würde. Er schien vor allem nicht ausreichend lange Beine für mein Moped zu besitzen. Am Ende wollte ich ihm jedoch den Spaß nicht verwehren und gestattete dem Herrn Direktor, zu fahren.
Die Situation entwickelte sich leider so wie befürchtet. Er fuhr los, kam noch mit Mühe in den Hof. Die Kinder fingen an zu klatschen und vor Begeisterung jubelnd in die Luft zu springen. Herr Direktor fuhr dann auf eine Bordsteinkante rauf und kippte mit voller Wucht um. Der erhoffte Moment des Ruhms ging in die Hose. Die Kinder hörten auf zu klatschen. Ich sprang noch zur Hilfe – leider zu spät. Das Moped lag auf dem Boden und Herr Direktor schaute mit verzweifeltem Gesicht zu. Wir hoben die Maschine auf und baten die Kinder kommentarlos in das Klassenzimmer.
Jetzt war ich aber dran, den Kindern von meiner Reise zu erzählen. Der Englischlehrer übersetzte ins Französische. Normalerweise hätte der Herr Direktor gedolmetscht, er schien aber keine Lust mehr zu haben.
Ich erzählte von den langen Vorbereitungen, von den unzähligen Büchern, die ich gelesen hatte, und den unzähligen Filmen, die ich über Afrika gesehen hatte. Ich berichtete über die Länder, die ich bereits besucht hatte, und über die Pläne der Weiterreise. Ich wollte den Kindern vermitteln, dass Träume immer in Erfüllung gehen, wenn man an sich selbst glaubt und hart für ihre Verwirklichung arbeitet. Ich präsentierte auch meine Schutzbekleidung und erzählte, wie wichtig die Sicherheit unterwegs ist. Ich wollte den Kindern ein gutes Beispiel sein. Ob meine Geschichte was in den Köpfen bewirkte, weiß ich natürlich nicht. Ich hoffe aber sehr, dass das eine oder andere Kind anfängt zu denken, dass sich verrückte Ideen und Träume verwirklichen lassen.
Nach meiner Erzählung war Barbara dran, die den Kunstunterricht leitet. Sie nutzte mich und meine Geschichte als Thema und Vorwand, um die Kinder dazu zu inspirieren, über ihre eigenen Träume und Wünsche nachzudenken und sie zu Papier zu bringen.
Meinen Schulauftritt verdanke ich natürlich der Initiative von Barbara, die jede Gelegenheit nutzt, die Kinder zu begeistern und ihnen Ungewöhnliches zu präsentieren. Sie ist die gute Seele von Grand Popo. Sie unterrichtet Kunst, ein Fach, in dem die Kinder sich beim Malen austoben können. Sie sagt, dass der „normale“ Unterricht die Kreativität der Kinder einschränke, beim Malen dürfen sie alles tun. »Je schräger die Bilder, die sie malen, umso besser«, sagt sie immer. Ich durfte den Kindern beim Malen zuschauen und fotografieren.
Über Barbara möchte ich einen separaten Artikel schreiben, sie hat das mehr als verdient! Ich verrate nur noch, dass die Kinder von Grand Popo sie unendlich lieben. Und sie hat den hiesigen Kindern ihr Leben gewidmet.
