„Africa for dummies“

Die Fahrt durch Angola dauerte fast drei Tage. Dylan und Yasmin waren etwas in Eile, denn sie mussten vor dem 15. Dezember in Kapstadt sein: Dylan‘s Schwester wollte heiraten. Ich stand vor der Wahl: entweder bleibe ich länger in Angola und schaue mir das Land genauer an oder ich fahre mit meinen neuen Freunden direkt nach Namibia weiter. Ich genoss die Fahrt mit den beiden so sehr, dass Angola den Kürzeren ziehen musste. Irgendwie fühlte ich mich auch etwas verantwortlich für die beiden und wollte sie nicht alleine weiterziehen lassen.

Die Rollenverteilung in unserem Team funktionierte auch ganz gut: Dylan war unser Mechaniker, Yasmin verhandelte die Preise überall und organisierte Essen aus dem Nichts. Ich führte unsere kleine Gruppe unterwegs als Navigator an. Eine äußerst verantwortungsvolle Aufgabe, die ein hohes Maß an Sachkenntnis erfordert: Ich gab die GPS-Koordinaten ins Navi ein und folgte den Anweisungen. Direkt hinter mir folgte Yasmin und am Ende fuhr Dylan, auf den dann niemand mehr aufpasste. So fuhren wir eines Tages bis in die Nacht hinein. Eine kleine Tankstellenpause ergab, dass sich das Zelt an Dylan‘s Bike gelöst hatte und ins Hinterrad reingeraten war. Er musste so kilometerweit gefahren sein, denn von seinem Zelt blieben am Ende nur noch Fetzen übrig. Dylan merkte nichts davon. Er meinte nur eine eigenartige Geruchskulisse wahrgenommen zu haben. Er habe sich dabei nichts gedacht. Für die gemeinsame Weiterreise erledigte sich somit die Camping-Option. Dylan strahle und grinste breit, als hätte er gerade einen Preis in der Kategorie: „Die lustigste Art und Weise, das eigene Zelt während einer Afrika-Reise zu zerstören“ gewonnen.

Zwei Tage später grinste Dylan erneut: 80km vor Windhoek riss ihm die Kette bei voller Fahrt. Ich merkte das nicht sofort. Da ich nicht konstant in den Rückspiegel schaute, merkte ich erst ein Weilchen später, dass mir niemand mehr folgte. Yasmin hörte den Krach hinter ihr und stoppte gleich, während ich nichts davon mitbekam. So drehte ich um und fand die beiden vor, als sie die Kettenteile von der Straße sammelten. Beide bestens gelaunt, da musste ich selbst mitlachen.

Die Kette riss, nicht weil sie schlecht montiert war, sondern weil sie nicht so richtig für das Motorradmodel passte und weil ihre Qualität viel zu wünschen übrig ließ. Zum Glück behielt Dylan die alte Kette, die er dann zurückmontierte. Später erfuhr ich, dass auch Yasmin‘s neue Kette kurz vor Kapstadt riss. Ich war nicht dabei, ich stellte mir aber bildlich vor, wie sie erneut die Kettenteile von der Straße sammelten und dabei Witze rissen. So viel Humor, Lebensfreude und Gelassenheit muss man echt haben!

Irgendwann erreichten wir auch die namibische Hauptstadt, Windhoek. Auf uns sollte Ray warten, ein Namibier deutscher Abstammung, der eigentlich Raymond hieß. Dylan kontaktierte ihn, weil seine Schwester eine Freundin von ihm kannte. So ein Arrangement klingt kompliziert, funktioniert aber bestens: Dylan und Yasmin sollten sein Gästezimmer, ich seine Couch im Wohnzimmer bekommen. Als wir eintrafen, war Ray gerade mit Freunden unterwegs und bat uns ein paar Stunden zu warten. Es war kein Problem. Wir suchten uns auf Google ein lokales Restaurant, wo wir was essen konnten und fuhren hin. Wir bestellten unsere Hamburger und Getränke und unterhielten uns über das bereits Erlebte als wir merkten, dass uns Leute von einem Nachbartisch anstarrten. Ich dachte, ok wieder mal jemand, der neugierig auf uns ist und wissen will, wo wir herkommen. In unseren schmutzigen Biker-Klammotten sahen wir aus, als würde es sich lohnen, uns ein paar Fragen zu stellen. Plötzlich stand ein Kerl auf und fragte uns: »Ist einer von Euch vielleicht Dylan?« Wir schauten erstaunt zurück. »Das bin ich«, sagte Dylan. »Cool, das dachte ich schon die ganze Zeit. Ich bin nämlich Ray«. Wir lachten auf und schoben dann für den Rest des Abends unsere Tische zusammen.

Wir verbrachten ein paar schöne Tage bei Ray. Windhoek erwies sich als moderne und saubere Stadt. Dylan bekam auch ein neues, passendes Ketten-Set für seine BMW und Yasmin kaufte sich einen neuen Helm. Ich wollte den lokalen BMW-Dealer ebenfalls besuchen, um mein Motorrad endlich mal fachmännisch checken zu lassen. Dieses Mal funktionierte alles einwandfrei. Ich wurde sehr nett empfangen und in eine exzellent ausgestattete Werkstatt eingeladen. Meine Maschine wurde an den Rechner angeschlossen und alles war top! Der Mechaniker sprach Deutsch und es sah danach aus, als hätte er sein Fach richtig im Griff. Am Ende musste ich nichts bezahlen und der Manager wünschte mir eine gute Weiterfahrt! So stelle ich mir einen guten Service vor! Lediglich eine Sache störte das perfekte Gesamtbild und irritierte mich sehr: der Mechaniker hatte ein großes Hakenkreuz auf der Rückseite seines Handys! Und es war eindeutig als solches zu erkennen. Ein hinduistisches Symbol des Glücks war das definitiv nicht. Wochen später, als ich mich mit einem Biker in Südafrika darüber unterhielt, meinte er auch, davon gehört zu haben. Dieser Mechaniker scheint in der Biker-Szene bekannt zu sein, angeblich ist er noch mit Nazi-Symbolen tätowiert. Das erstaunte mich sehr! Ein lizensierter BMW-Dealer lässt bei den Mitarbeitern Nazi-Symbole zu? Weiß er das überhaupt?

Ray und sein Mitbewohner LeRoux erzählten uns viel über Namibia. Ich bekam große Lust, etwas länger im Land zu bleiben. Dylan und Yasmin wollten die Hochzeit in Kapstadt nicht verpassen und mussten bald weiterfahren. Ich hatte noch Zeit und entschied mich, mehr von Namibia sehen zu wollen. Ray meinte, Namibia ist „Africa for dummies“: man bekommt hier alles, was man braucht, es ist leicht zu reisen, die Infrastruktur ist gut und das Benzin billig. Die Lebensmittel sind nicht teuer und überall gibt es Geschäfte, wo man alles kaufen kann. Außerdem gibt es schöne Nationalparks und tolle Landschaften. Im Allgemeinen, ist es wie in Europa. Mir war klar, dass ich mich selbst davon überzeugen musste!

Der Abschied von meinen Biker-Freunden fiel mir schwer. Wir haben aber entschieden, uns erneut in Kapstadt zu treffen. Selbst die Technik am Abreisetag streikte. Zuerst wollte das Moped von Dylan nicht starten. Nach der Reparatur am Vortag hatte er vergessen, den Schlüssel aus der Zündung zu ziehen – sie war die ganze Zeit an. Wir überbrückten sein Bike und starteten es erneut. Es funktionierte! Abfahrtbereit stellten wir jedoch fest: jetzt streikte das Bike von Yasmin. Also, gleiche Geschichte von vorne: das ganze Gepäck wieder abnehmen und die Batteriebekleidung erneut abbauen. Irgendwann konnte ich nicht mehr warten: ich hatte einen Termin beim BMW-Service. Ich dachte nur, dass wenn sie heute nicht abfahren, komme ich auch zurück. Es ging aber doch. Ich bekam die Nachricht: »Beide Bikes laufen, wir sind unterwegs«.

Mein Plan für Namibia war nicht kompliziert: ich wollte den Skeleton Coast National Park besuchen, und später noch zwei Städte besichtigen: Swakopmund und Lüderitz. Ich hatte nicht endlos viel Zeit. Blöderweise gab ich bei Enreise an, dass ich zwei Wochen in Namibia bleiben werde. Und die habe ich auch bekommen: keinen Tag länger. So hatte ich nur noch rund eine Woche Zeit, nachdem ich bereits mehrere Tage in Windhoek verbrachte.

Ich freute mich auf den Nationalpark. Da ich den Etosha-Park nicht bereisen konnte – zum einen, weil ich mich beeilen musste und zum anderen, weil der Park für Motorräder angeblich gesperrt war -, fuhr ich in den Nordwesten des Landes. Die von mir etwas gefürchteten Schotterwege erwiesen sich als befahrbar. Unterwegs zum Eingangsgate fuhr ich an einem Himba-Dorf vorbei. Ich hielt kurz und wurde gleich eingeladen, mir das Dorf anzuschauen. Ich durfte fotografieren und Tumbee erzählte mir die Geschichte vom Himba-Volk, führte mich an den Hütten vorbei und ermöglichte mir die Teilnahme an einer interessanten Zeremonie. Tambee fragte mich, ob ich sehen möchte, wie sich die Himba-Frauen duschen. Ich blieb stehen: »Wie bitte?«, fragte ich verunsichert. Ich dachte noch nach, was wäre, wenn man so eine Frage in Europa stellen würde: »Du Martin, möchtest Du sehen, wie sich die Frauen in unserem Dorf duschen?«. Selbst in der fortschrittlichsten Berliner Subkultur-Gegend hätte eine solche Frage Erstaunen hervorgerufen, außer man hätte sich bereits von einem Swingerclub-Besuch gekannt. Da ich jedoch von Natur aus auf fremde Kulturen neugierig bin, willigte ich ein. »Die nackten Brüste habe ich bereits gesehen, die Frauen laufen ja so rum«, dachte ich noch.

Am Ende erwartete mich keine Erotik-Show sondern eine traditionelle Himba-Zeremonie. Wir gingen in die „Duschkabine“ – dort wartete bereits die Dorfprinzessin Ngajona Tjiurua aus uns. Sie zündete ein paar Räucherstäbchen an und führte sich das rauchende „Parfüm“ unter den Achseln durch. Nach einer Minute war die Prinzessin „geduscht“. Da Wasser ein sehr kostbares Gut für die Himba ist, verschwenden sie es nicht zum Waschen«, erklärte Tumbee. Er erzählte mir noch, dass es gerade eine sehr schwere Zeit für die Himba sei, weil alle Tiere durch die Dürre versterben und die einzige Einnahmequelle die Touristen seien. Sie verkaufen ihnen den selbsthergestellten Schmuck und tanzen ab und zu traditionelle Tänze vor. Tumbee sprach gutes Englisch, da er als Einziger in Windhoek studierte. Er erzählte mir noch eine Trivialität: die Himba schlagen sich die unteren vier Zähne aus, damit sie ihre Sprache besser sprechen können! Dies geschieht während einer speziellen Zeremonie, sobald die Kinder das entsprechende Alter erreicht haben. »Es ist sehr schmerzhaft«, berichtete Tumbee und zeigte mir seine Zahnlücken mit Stolz.

Nach einigen Stunden im Dorf fuhr ich dann weiter. Tumbee bot mir noch eine Übernachtung an. Heute bedauere ich sehr, nicht geblieben zu sein. Eine Himba-Dusche hätte mir sicherlich nicht geschadet und ich hätte bestimmt noch vieles mehr über das Leben im Dorf erfahren.

Der Besuch im Skeleton Park war spektakulär. Unendliche Weiten, gerade Strecken bis zum Horizont und großartige Landschaften, die man wahrscheinlich nur dort sehen kann. Es gibt zwei Versionen, woher der Park seinen Namen hat: entweder von den vielen Schiffswracks an der gleichnamigen Skeleton-Küste, oder von den Walknochen, die dort oft strandeten und die letzte Ruhestätte fanden. Etwa 40km breit und 500km lang wird er als „The world‘s largest ship cemetery“ bezeichnet. Dort herrscht ein raues Wetter: Dauernebel, stürmische Winde, unruhige Küstengewässer, hohe Wellen und die Wüste. Wer es ans Land schaffte, hatte nur eine kleine Überlebenschance: die meisten verdursteten im Anschluss.

Vor dem Eingangstor las ich das Gefahrenschild, Gefahren die meist von Wildtieren ausgehen. Das eigene Fahrzeug sollte nicht verlassen werden und Motorräder sind dort illegal. Niemand wollte mich jedoch stoppen. Es gab keine Fragen. Ich füllte das Formular aus, dass ich dann am Ausgang wieder abgeben sollte. Die Durchfahrt ist kostenlos, wenn man den Park am selben Tag verlässt. Nach ca. drei-vier Stunden Fahrt war ich wieder raus. Kein Löwe wollte mich fressen. Ich habe nicht mal eine tote Maus gesehen! Nichts! Die Fahrt war aber in einer ziemlich lebensunfreundlichen Umgebung. Schon ein Wunder, dass dort tatsächlich Elefanten, Löwen, Hyänen, Schakale, Kudus, Zebras und viele weitere Tierarten vorhanden sein sollten. Ich fuhr im starken Wind und teils im Nebel auf der Schotterpiste seelenruhig durch. Von Zeit zu Zeit kam mir ein Geländeauto entgegen.

Zu Gast bei den Bikern

Nach nur zwei Tagen in der Demokratischen Republik Kongo war ich schon an der Grenze zu Angola. Eigentlich schade. Ich hätte gern ein paar Tage mehr im „zweiten Kongo“ verbracht, mir Kinshasa angeschaut, vielleicht ein paar neue Leute kennengelernt. Es ergab sich aber nicht. Mein Couch-Surfing-Kontakt meldete sich zurück als ich schon in Angola war. Die Erklärung war auch sehr nachvollziehbar: »Sie habe ihr Handy verloren, so sei sie für mehrere Tage nicht erreichbar gewesen. Das Handy sei jetzt wieder aufgetaucht, schade nur, dass ich jetzt abgereist sei.«

Nach wieder mal extrem undurchsichtigen Verhältnissen an der Grenze in der DR Kongo, war ich nun zurück in der Zivilisation! In DR Kongo musste ich durch endlose Menschenmengen, Schlamm und tiefe Wasserlachen fahren, es ging zu wie auf einem riesigen chaotischen Markt, wo jeder mit Gewalt die eigene Ware loswerden und die anderen sie dann nach dem Kauf abtransportieren wollten – mit allem was Räder hat: Eselskutschen, Dreirad-Mopeds, hoch beladene Fahrräder, Karren aller Art. Es herrschte Hochbetrieb. Die Leute wollten ja ebenfalls die Grenze zu Angola überqueren. So fuhr ich durch dieses Chaos und suchte nach dem Gebäude, wo „Immigration“ drauf stehen sollte und ich meinen Reisepass abstempeln lassen konnte.

Dann kurz vor dem gelobten Gebäude geschah es: ich blieb in einem tiefen Wassergraben stecken. Mein erster Reflex, um doch noch mit Schwung rauszukommen, war wohl ein großer Fehler: ich gab Gas. Hinter mir spritzte das Schlammwasser meterhoch! Die Leute fingen an zu schreien und heftig zu gestikulieren. Warum sie mich im Anschluss nicht gelyncht, verprügelt oder mindestens mit Steinen beworfen haben, ist mir bis heute ein Rätsel. Was machten sie stattdessen? Sie halfen mir aus dem Schlamm rauszukommen. Ich liebe Afrika!

Nachdem ich den Ausreisestempel bekommen hatte, stellte ich fest, dass ich das Zollamt um drei Kilometer verpasst hatte. So musste ich schon wieder durch die Menschenmassen und den Dreck zurückfahren, das Carnet abstempeln lassen und dann wieder zum dritten Mal durch. Das war ein Abenteuer, worauf man normalerweise gerne verzichtet.

Als ich dann endlich in Angola ankam, war ich sehr erleichtert. Ich war nun „zu Gast“ in einem klimatisierten, exzellent ausgestattetem Büro, mit uniformierten Zollbeamten, die allesamt gutes Englisch sprachen. Was für ein Unterschied! Es machte mir gar nichts aus, dass mein Carnet in Angola nicht zählte: ich zahlte gerne die 6 Euro für das angolanische TIP (temporary import permit). Ein junger Beamter entschuldigte sich für den Umstand, händigte mir das TIP aus und sagte: »Welcome to Angola, Sir! Enjoy your stay.« Das ist mir während der ganzen bisherigen Reise an keiner Grenze zuvor passiert. Ich mochte das Land auf Anhieb.

Nach einem zweitägigen Ritt kam ich endlich in Luanda an. Ich habe schon viel früher von den angolanischen Biker-Clubs gehört und wollte sie auch mal persönlich kennenlernen. Von vielen Reisenden hörte ich zunächst viel von den „Amigos da Picada“. Die Amigos scheinen der bekannteste und größte Biker-Club in Angola zu sein. So „warnten“ mich die anderen Biker: »Fahr nach Angola und die Amigos werden dich finden«. Was nach einer „Drohung“ klang, war nett gemeint: die Amigos seien sehr freundlich, hilfsbereit und lassen Dich nie im Stich.

Dies machte mich sehr neugierig. Ich schrieb sie an und kontaktierte über Facebook deren Präsidenten. Ich erhielt lange keine Antwort. Irgendwann bekam ich dann die Whatsappnummer des Präsidenten. Ich schrieb ihn erneut an und erhielt als Antwort ein kurzes Image-Video über Angola, worauf ein paar Landschaften zu sehen waren. Ich fand das schon ziemlich enttäuschend.

In der Zwischenzeit fand ich eine Information auf iOverlander, dass es in Luanda einen Biker-Club-Präsidenten gibt, der eine „Open-Invitation“ für alle Overland-Reisenden, insbesondere für Biker ausgesprochen hatte. In der App standen die GPS-Koordinaten, sowie eine Beschreibung, wo man sein Haus findet. Das fand ich großartig! Ich freute mich riesig darauf, die angolanischen Biker doch noch kennenlernen zu können! Ohne Vorankündigung oder gar Anfrage fuhr ich einfach hin.

Wenn man die US-Serie „Sons of Anarchy“ kennt, hat man eine etwas spezielle Vorstellung davon, was die Biker alles so treiben, womit sie ihre Brötchen verdienen und dass man ihnen besser nicht in die Quere kommen sollte. Ich dachte daran und lachte innerlich darüber als ich an dem Haus von Carlos, dem Präsidenten der „Anjos Bantu“, eintraf.

Mir wurde das Tor geöffnet, ich fuhr rein und staunte: ich war an einem schönen Haus mit großen Glaswänden, mit einem Pool und Barbecue-Bereich, mich begrüßten gleich drei ausgewachsene und sehr freundliche Doggen. Aus dem Haus kam dann gleich eine schöne junge Frau und fragte mich mit einer Selbstverständlichkeit: »Herzlich Willkommen! Hast Du Hunger? Wir essen gerade zu Lunch.« Es war Andrea, die Tochter von Carlos. Am Esstischstuhl hing ihre Biker-Kutte mit der Aufschrift „Vice-President“. Ich lernte noch André, den Verlobten von Andrea kennen. Ich setzte mich zu ihnen, wir aßen zusammen und ich fühlte mich gleich wie bei guten Freunden. Danach wurde mir ein eigenes Zimmer zugewiesen, ich hatte sogar ein eigenes Bad mit Dusche bekommen. Was für ein Luxus! So lässt sich gut reisen!

Ich freundete mich auch mit André an. Ein sehr freundlicher und sympathischer Kerl, wir haben uns auf Anhieb bestens verstanden. Ich wollte ihn ein bisschen über den Club ausfragen und erfuhr, dass er selbst kein Motorradfahrer ist, da er selbst einmal in der Vergangenheit ein kleines Moped fuhr und dies schief ging. Er arbeitet als Sales Director in der Firma von Carlos. Die Firma stellt diverse Werbe- und Infotaffeln her, allerlei Aufkleber und sonstiges Marketingmaterial. Der Club betreibt noch eine „Pirates Bar“ an einem Aqua-Park, wo sie Säfte und Erfrischungsgetränke an die Kinder verkaufen. Da das Geschäft aber nicht so toll läuft, waren sie gerade dabei, es aufzulösen. Andrea erzählte mir dann später, womit sich der Club beschäftigt: neben den Sonntagsausflügen für die Mitglieder organisierten sie noch Spenden für Bedürftige, halfen armen Kindern und Obdachlosen. »Wow«, dachte ich grinsend. »Was für eine „gefährliche“ Biker-Gang. Man muss sie einfach lieben!« Wäre ich in Angola für längere Zeit, würde ich mich sofort als neues Mitglied anmelden. Carlos konnte ich leider nicht persönlich kennenlernen. Er war außerhalb des Landes, als ich in seinem Haus war.

Nun war ich da, etwas mitgenommen nach der langen Reise und sehr glücklich darüber, dass ich jetzt ein eigenes Zimmer mit Bad hatte. Ich lag im Bett, frisch geduscht und checkte meine Nachrichten. Plötzlich hörte ich ein Klopfen an der Tür. Da standen zwei Leute vor mir und sagten, dass sie auf Motorrädern unterwegs und gerade angekommen seien. Sie sahen aus, als ob sie mehr als nur eine erfrischende Dusche brauchen würden. Sie machten eher den Eindruck, als ob sie auf der Flucht vor einer Horde wilder Hunde und zwar seit mindestens einer Woche gewesen wären: Hosen in Fetzen, die anderen Kleidungsstücke waren ebenfalls in desolatem Zustand. Aber sie strahlten und grinsten breit! Ich hatte gemischte Gefühle. Im ersten Moment dachte ich erschrocken: „Shit! Muss ich jetzt mein Zimmer mit diesen Leuten teilen?“ Der Gedanke war aber sofort weg. Sie sahen so krass mitgenommen, dennoch super glücklich aus. Ich fand die beiden auf Anhieb sehr sympathisch. Sie stellten sich vor: Yasmin aus London und Dylan aus Kapstadt. Sie fuhren in London los, waren bereits neun Monate in Afrika unterwegs. Sie hatten ein Auto, haben es aber unterwegs gegen zwei Motorräder umgetauscht! Eine exzellente Entscheidung!

Dann sagte Dylan: »Wir möchten gerne in die Stadt gehen, und ein Restaurant finden. Morgen hat Yasmin Geburtstag und wir würden gerne vorfeiern. Kommst Du mit?«

Ich traute meinen Ohren nicht: »Was? Du hast morgen Geburtstag? Ich nämlich auch!«

Wir feierten zwei Tage lang zu dritt! Ganz unerwartet wurde es zu einem richtigen Geburtstag! Vorher dachte ich, dass ich den Tag einfach in Ruhe in meinem Zimmer verbringen, den Tag durchschlafen und vielleicht maximal in der Nase bohren würde. Es sollte aber nicht so sein. André und Andrea haben uns sogar eine Torte gebracht! Die eine Kerze durften Yasmin und ich gemeinsam auspusten.

Für Luanda hatte ich keine großen Pläne. Ich wollte nur mein Motorrad beim BMW-Service checken lassen, mir die Stadt anschauen und dann weiterziehen. Da meine neuen Freunde länger auf ihre Ersatzteile warten mussten, entschied ich mich auch so lange zu bleiben. Der Ort war einfach auch sehr verlockend: ein Supermarkt mit Bier in der Nähe und ein Grill, gleich am Pool. Wir entschieden uns, den Weg nach Namibia zusammen zu machen. Zum ersten Mal in Afrika hatte ich Begleitung unterwegs. Eine völlig neue Erfahrung. Ich bin ein freiheitsliebender und unabhängiger Motorradreisender, d.h. ich entscheide gerne selbst, wann ich aufstehe, wie schnell ich fahre, wo ich eine Pipi-Pause und wo ich keine Zigarettenpause mache, wann ich zum Fotografieren stoppe und wo ich übernachte. Aber ich freute mich auf die gemeinsame Fahrt, insbesondere mit zwei so sympathischen und positiv verrückten Leute.

Während Dylan und Yasmin auf ihre Ersatzketten warteten, fuhr ich ins Stadtzentrum, um den BMW-Dealer und die Werkstatt zu besuchen. Es waren keine großartigen Reparaturen notwendig. Lediglich plagte mich seit wenigen Tagen eine Sorge: der Motor arbeitete eigenartig, immer wieder ging er an Kreuzungen aus. Meine Vermutung war, dass der Luftfilter stark verschmutzt war, denn seit der letzten Inspektion in Nigeria fuhr ich sehr viel durch Dreck und Staub. Im Grunde hätte ich den Filter auch selbst auswaschen, bzw. reinigen können, wollte aber auch, dass die Werkstatt mein Motorrad an den Computer anschließt, um die Fehler auszulesen. So der Plan, in Lagos lief alles perfekt ab. Ich habe einen genauso guten Service in Luanda erwartet. Was ich jedoch dann erlebte, hat meine BMW-Welt bis auf die Grundmauern erschüttert.

Ich fuhr fröhlich hin und dachte, dass ich einen sachkundigen Mechaniker treffe, der mit Anerkennung nickt und mit dem ich mich über die Motorrad-Reisen in Angola unterhalten konnte. Ein Mechaniker, der sich das Moped anschaut, ein paar Fragen über meine bisherige Route stellt, mich in die Werkstatt einlädt, das Motorrad an den Rechner anschließt und dabei feststellt, dass es keine Fehler gibt. Im besten Fall würde er mir noch erzählen, dass er gerne auch so eine lange Motorradreise machen würde und ich würde ihn dann ermutigen, dies zu tun. So zumindest war meine Vorstellung eines angenehmen Aufenthalts in einer autorisierten BMW-Werkstatt.

Es lief jedoch entscheidend anders ab. Die erste Hürde war die Kommunikation. Von zwei Empfangsdamen konnte nur eine Englisch, leider nicht ausreichend. Ich hatte Mühe gehabt zu erklären, was ich will. Nach einer Stunde (inkl. langer Wartezeit) ergab sich, dass sie alles falsch verstanden hatten. Nein, ich wollte nicht Öl wechseln lassen. Ich habe es nicht mal erwähnt! Dann wurde ich vertröstet: der Mechaniker habe einen Auswärtstermin und kommt erst in anderthalb Stunden zurück. Ok, kein Problem – dachte ich. Ich könnte doch so lange spazieren gehen, und mir die Stadt anschauen. Nach über zwei Stunden kam ich zurück, um zu erfahren, dass der Mechaniker noch nicht da sei. Auch kein Problem. Ich ging in ein Restaurant, direkt nebenan. Ich bestellte mein Essen und nahm mir Zeit. Da ich noch ein Buch dabei hatte, fing ich an zu lesen. Während ich aß, fiel mir ein Typ am Nachbartisch auf: ca. 50 Jahre alt, gut gebaut aber mit einer etwas strengen, soldatenhaften Frisur. Er aß seinen Lunch seelenruhig. Unsere Blicke kreuzten sich vielleicht ein Mal. Noch dachte ich mir nichts dabei.

Nach etwa einer guten Stunde, vielleicht auch länger, zahlte ich meine Rechnung und ging zurück zum Dealer. Der Mechaniker sei noch nicht da, werde aber bald eintreffen – bekam ich zu hören. So setzte ich mich geduldig in den Wartebereich. Eine halbe Stunde später kam endlich der Mechaniker. Wir beide staunten verdutzt. Es war der Typ vom Restaurant, der mit der strengen Frisur, der sich so viel Zeit beim Lunch nahm. Ist ja nicht schlimm, ich fand es eher lustig, dass er so entspannt war. Und endlich war er da! Es war schon Nachmittag und ich hoffte, dass alles ab sofort schnell ablaufen würde. Nach dem Handshake wollte ich dem Mechaniker mein Anliegen direkt erklären. Fehlanzeige: er war Portugiese und sprach nur Portugiesisch. Na gut, immerhin wurde ich mit der einen Empfangsdame einig und sie notierte sich, dass ich den Luftfilter geprüft und den Computerausdruck möchte, um zu sehen, ob vielleicht doch ein weiterer Handlungsbedarf besteht. Zwei Stunden und viele Seiten in meinem Buch später, kam der Mechaniker und meinte, mein Luftfilter sei fällig und ich brauche einen neuen. Ich sagte ok, er müsste ja schließlich Bescheid wissen. Eine weitere Stunde später war alles fertig, mein Motorrad stand frisch gewaschen vor der Tür.

Als ich die Rechnung im Anschluss sah, fiel ich fast in Ohnmacht: darauf stand ein Betrag von umgerechnet etwa 500 Euro. Ich schaute der Empfangsdame (die gleichzeitig die Rechnungüberbringerin war) tief in die Augen: »Wollen Sie mich hier verarschen?«, ich glaube, meine Stimme hast sich auch leicht erhoben: »Sie können diese Rechnung vergessen, ich werde sie sicherlich nicht begleichen!« Ich war kurz davor, die Fassung zu verlieren. Für den Filter und die Arbeitsstunden sollte ich ca. 150 Euro bezahlen. Der Computerausdruck, den man normalerweise überall kostenlos in einer BMW-Werkstatt bekommt, sollte jetzt aber 350 Euro kosten? Die Managerin wurde gerufen. Sie kam und fing an, Geschichten zu erzählen, die sie schon wahrscheinlich früher mehrfach erzählt hat. Dass Luanda eine der teuersten Städte der Welt sei, dass es sehr schwierig sei, einen Mechaniker zu finden und dass sie allesamt sehr teuer seien. Ich antwortete ihr, dass mich das alles nicht interessiert und dass ich noch nie davon gehört habe, dass man für einen Computerausdruck überhaupt Geld zahlen muss. Wenn sie möchte, könnte ich das ganze gleich eskalieren lassen – drohte ich ihr. Obwohl ich mir noch nicht sicher war, wie ich es „eskalieren lassen“ würde. Sie sagte dann, sie müsse sich mit dem Mechaniker beraten. Nach einigen Minuten kam sie und fing an, nett zu lächeln: »Der Mechaniker ist ausnahmsweise damit einverstanden, den Preis nicht zu berechnen«, log sie, als ob der Mechaniker der Chef im Laden wäre. »Wir wollen Sie als zufriedenen Kunden behalten, daher berechnen wir nur die Arbeitszeit und die Ersatzteile«, ergänzte sie zu meiner Erleichterung. »Das ist gut«, antwortete ich ohne Enthusiasmus. „Mit der Kundenzufriedenheit habt ihr es aber richtig vermasselt“, dachte ich gleichzeitig: „Ein Glas Wasser für den Kunden, während er auf den Mechaniker stundenlang wartet, hätte vielleicht ein paar Sympathiepunkte gebracht.“ So zahlte ich die Rechnung mit ernsthaftem Gesicht. Die Managerin besass noch die Frechheit mir zum Abschied zu sagen, dass sie auch in Portugal tätig sei, und sollte ich mich dort aufhalten, wäre sie über meinen Besuch sehr erfreut. »Das mache ich bestimmt«, antwortete ich und dachte gleichzeitig: „Leck mich am Arsch“.

Als ich aus der Werkstatt zurückkam, erzählte ich meinen Gastgebern die Geschichte. »Willkommen in Luanda«, antwortete Andrea. »Wir haben es mit dieser Abzocke überall zu tun«, ergänzte sie traurig. »Und man kann nichts dagegen tun, wenn man hier lebt.«

In der Zwischenzeit konnte Dylan auch seine neue Ersatzketten für die zwei BMW 650-er bekommen. Er wechselte sie selbst. Ich hütete mich davor, ihm den Besuch in einer BMW-Werkstatt in Luanda zu empfehlen.

Nun waren wir startklar, um gemeinsam in Richtung Namibia aufzubrechen.

5 Millionen neue Grauhaare

Die Bekanntschaft mit Wilfrid trug bei einer weiteren wichtigen Angelegenheit ihre Früchte. Die beiden Hauptstädte Brazzaville und Kinshasa liegen gleich gegenüber. Um die zwischenstaatlichen Kontakte und den grenzüberschreitenden Verkehr zu fördern, würde sich eine Brücke anbieten oder zumindest eine Fährverbindung für Fahrzeuge. Es gibt weder das eine noch das andere. Zwischen beiden Städte fahren lediglich touristische Kleinboote.

Um die Lage zu checken, ging ich zum Hafen, um zu sehen, ob es da nicht eine Chance geben könnte, mein Motorrad auf das andere Kongo-Ufer zu bringen. Ein Gespräch mit einem Zollbeamten, der gerade seine Sonntagabendschicht absolvierte, ergab, dass man das tatsächlich organisiert bekommen könnte, es sei aber ziemlich kompliziert und natürlich kostenintensiv. Eine schnelle Überprüfung auf der iOverlander-App ergab, dass es schon früher Leute gab, die dieses Abenteuer wagten. Der Preis variierte um die 200 USD. Ziemlich heftig für eine Flussüberquerung. Aber ich war in Afrika und wollte (musste) nach Kinshasa-Kongo einreisen.

Es gab nicht allzu viele Alternativen. Eine davon wäre die Überquerung der Grenze im Landesinneren (Lwozi-Lufu Grenze). Sie wäre aber mit extremen Straßenkonditionen verbunden gewesen, insbesondere während der Regenzeit. Da ich aufgrund meiner Erfahrungen aus Kamerun nun schlauer war, strich ich diese Option schnell aus meiner Liste. Eine andere Möglichkeit wäre eine Fahrt nach Pointe Noire an der Küste und die Überquerung nach Cabinda (angolische Exklave zwischen der Rep. Kongo und DR Kongo). Von Cabinda kann man dann das Motorrad nach Soyo in Angola verschiffen lassen und selbst in einem kleinen Flugzeug rüberfliegen. Diese Lösung kam mir aber etwas umständlich vor, und so entschied ich mich für die Flußüberquerung.

An jenem Tag kam auch mein Freund Wilfrid dazu, um mich im Hafenchaos zu unterstützen und einen guten Preis für mich auszuhandeln. Gleich wurden wir von diversen „Dienstleistern“ angesprochen, oder zutreffender gesagt „umzingelt“. Einer davon bot einen guten Preis an: 75.000 CFA (umgerechnet 115 EUR). Mehrfaches Nachfragen, ob es sich dabei um den endgültigen Preis für die ganze Prozedur handelt, wurde jedes Mal mit Nachdruck bejaht. Später ergab sich das als eine unverschämte Lüge. Dazu aber später.

Nach Klärung und Auszahlung des Preises begannen wir mit der Bürokratie: Ausreisestempel, Ausfüllen diverser Formulare, Abstempeln des Zolldokuments (Carnet de Passage). Ich gab meinen Reisepass ungern aus der Hand, aber Wilfrid meinte, dass dies in Ordnung sei. Ich hatte keinen Grund, Wilfrid nicht zu vertrauen. Und in der Tat: während ich mich um das Carnet kümmerte, erledigten die „Helfer“ die Ausreiseangelegenheiten. Nach ca. 1,5 oder vielleicht gar 2 Stunden waren wir soweit und konnten mit dem Beladen beginnen.

Ich fuhr mit dem Moped an das Boot heran und staunte. Das Boot konnte mein Bike unmöglich beherbergen! Wo denn auch? Es war ein einfaches Passagierboot mit Sitzplätzen für etwa 10 bis 12 Leute, die ihr Gepäck auf dem Schoss halten mussten. Vorne auf dem Bug gab es noch etwas freie Fläche. Sie schien aber viel zu klein, um ein 300kg-Bike unterzubringen. Außerdem fehlte eine Rampe um das Motorrad auf das Boot zu verladen. Es gab auch keinen Kran, der die Maschine hochheben und sicher auf das Boot hätte legen können. Und da war noch die hohe Reling, die eindeutig im Weg stand.

Auf einmal stand eine Gruppe von Männern in Fußballmannschaftsstärke um mich herum, allersamt in türkisfarbenen Kitteln. Als ich erkannte, was sie vorhatten, lief mir ein kalter Schauer über den Rücken: die wollten tatsächlich das schwere Bike über die Reling auf das Boot hieven. Für mich gab es keinen Rückzieher mehr. Ich musste mich dem Schicksal ergeben. So baute ich die Koffer ab und überließ mein Bike, meinen besten Freund, Gefährten und Lebensretter, in die „brutalen“ Hände der Hafenmitarbeiter. Sie packten es von allen Seiten an, so dass es keinen freien Raum mehr um das Motorrad herum gab. Die Ladeprozedur begann. Ich schaute von der Seite zu und begann das ganze mit meinem Handy zu filmen. Ich dachte in diesem Moment nur daran: „Wenn sie es in den Kongofluss schmeißen, dann habe ich zumindest alles auf dem Video. Könnte der Videoverkauf an Fernsehsender ausreichen, um sich ein neues Moped zu leisten? Scheiße! Da war noch meine Kamera mit den Zeiss-Objektiven im Tankrucksack. Und der Tankrucksack war immer noch auf dem Tank befestigt! In dem Wirrwarr habe ich nicht dran gedacht, den Rucksack abzunehmen!“ Meine Hände begannen zu zittern. „Jetzt bloß nicht das iPhone fallen lassen! Das wäre der ultimative Super-GAU: das Bike gefilmt, wie es in den Kongofluss reinfällt, und dann flutscht mir das Handy auch noch ins Wasser! Vielleicht hätte ich Wilfrid bitten müssen, auch mich zu filmen wie ich filme?“, dachte ich noch und drückte das Handy noch stärker in die Hand. Das ganze dauerte höchstens drei, vier Minuten – fühlte sich aber wie Stunden an. Ich schaute hilflos zu und stöhnte immer wieder. Ich gab Geräusche von mir, die ich so nicht kannte. Es war eine Mischung aus Hilflosigkeit und einer kleinen Portion Hoffnung, dass das ganze vielleicht doch noch klappt. Dann blieb das Moped mit dem Kupplungshebel an der Reling hängen. Mein Herz raste auf 180. „Völlig unnötig“, versuchte ich mich selbst zu trösten: „Ich habe doch die Ersatzteile dabei“. Irgendwann war das Motorrad drauf. Ich atmete erleichtert aus. Dieser Moment hielt allerdingsn nur kurz ab. Die Männer wollten gleich ihre Bezahlung. »Wie jetzt? Ich habe doch schon bezahlt«, ich schaute den Typen an, der das Geld von mir bereits für die Überfahrt kassiert hatte. »Du musst sie jetzt bezahlen«, sagte er mit ernstem Gesicht. Ich hatte keine Wahl. Um mich herum standen so viele Männer, dass sie sicherlich in der Lagen gewesen wären, ein Nachbardorf zu überfallen oder einen kleinen Krieg zu gewinnen. Diese Männer schauten mich erwartungsvoll an. Sie hätten mit hoher Wahrscheinlichkeit immer noch genug Kraft und Energie übrig, um das Motorrad wieder vom Boot zu heben und es gleich dann in den Fluss zu werfen. »Was wollt Ihr haben?«, fragte ich. »20.000 CFA« antwortete der Gruppenvorsteher. Nun haben wir eine Weile verhandelt. Wilfrid half dabei, so dass ich am Ende 10.000 CFA zahlen musste, umgerechnet 15 Euro. Ich verabschiedete mich von Wilfrid, der mir noch zuwarf, dass ich dem Typen nicht trauen sollte, der das ganze hier organisiert und der von mir die ganze Gebühr bereits kassiert hatte. Das wusste ich jetzt nur zu gut.

Die Überfahrt nach Kinshasa dauerte magere 15 Minuten. Angekommen, begann das ganze Chaos wieder von Vorne. Im Gegensatz zu Brazzaville gab es in Kinshasa noch chaotischere Verhältnisse: die Träger stritten sogar, wer von Ihnen dabei helfen durfte! Die Hafenpolizei musste einschreiten, ein Polizist schnappte sich immer wieder einen Mann und zog ihn vom Bike weg. Die Leute beschimpften und schubsten sich gegenseitig. Am Ende stand das Bike wieder auf dem Festland, ich war komplett durchgeschwitzt aber glücklich, dass ich es überstanden hatte.

Das ganze Geschehen beobachtete ein wichtig aussehender Polizist, der immer wieder anderen Polizisten Befehle zuwarf. „Den muss ich auf meiner Seite haben“, dachte ich noch. In dem Chaos brauche ich jemanden, der genug Autorität besitzt, um die anderen von mir fern zu halten. Wie ich hörte, wird man im Hafen von Kishasa von Händlern und Möchte-gern-Helfern massiv belästigt. Das zahlte sich sehr aus! Der „Hauptmann“ war auch willig, mir zu helfen. Er brachte mich durch diverse dunkle Ecken und Winkel zu den richtigen Immigrations-Büros, die ich selbst wahrscheinlich nur mit Mühe gefunden hätte. Dann half er mir die restlichen CFA in die kongolesischen Franks umzutauschen und besorgte mir sogar eine Sim-Karte für mein Telefon. Als ich die lokale Währung umtauschte, staunte ich verdutzt: für den Wert von ca. 100 Euro erhielt ich einen dicken Bündel von Franks. Die größte Banknote ist in Höhe von 1000 Franks, also umgerechnet gerade mal ca. 0,55 Euro – da braucht der Geldbeutel ja Räder, wenn man Lebensmittel für eine Woche einkaufen geht!

Ich war sehr froh, den Hauptmann als Helfer und Beschützer an meiner Seite zu haben! Denn der Organisator der Überquerung lief mir die ganze Zeit nach. Die Träger bei der Ankunft musste ich natürlich wieder selbst bezahlen und der Typ hatte die Unverschämtheit nach mehr Geld zu fragen! Sein Plan war es, mir bei der ganzen „Bürokratie“ in Kinshasa zu „helfen“. Blöd für ihn, dass ich dann den Hauptmann dabei hatte. Und als ich meinem neuen Polizistenfreund sagte, dass ich den Kerl bereits bezahlt habe, schrie er ihn an und verjagte ihn auf der Stelle. „Gut so“, dachte ich mir schadenfroh.

Nun war ich bereit zur Weiterfahrt. Ich begutachtete mein Motorrad und stellte fest, dass alles in Ordnung war, bis auf die verstellten Seitenspiegel. Ein Wunder ist geschehen! Ich gab meinem Hauptmann 5 Euro Aufwandsentschädigung und fuhr davon. Ein paar Händler wollten mir noch ihre schreienden Hühner, Bananen und sonstiges Gemüse verkaufen. Ich lächelte freundlich, winkte zu und war weg.

Ich hatte nicht vor, lange in Kinshasa zu bleiben. Meine Couch-Surfing-Anfrage wurde nicht beantwortet und ich sah dies nicht als Schicksalsschlag. Ich hielt noch kurz in der Stadt, ging zum chinesischen Restaurant, bestellte ein Stück Grillente sowie ein Tonic Water. Die Rechnung in Höhe von 30 US-Dollar bestärkte mich in der Annahme, dass ich doch schnellstmöglich nach Angola fahren sollte. Was für ein Kontrast! Auf der Straße betteln Kinder für ein Stück Brot und man zahlt beim Chinesen 30 Dollar für Lunch.

Es lebe die afrikanische Bürokratie!

Angekommen in Brazzaville hatte ich zwei wichtige Aufgaben zu erledigen: das Visum für Angola zu organisieren und zu überlegen, wie ich nach Kinshasa bzw. in die Demokratische Republik Kongo einreisen würde. Ersteres sollte leicht zu machen sein – dachte ich zumindest.

Eigentlich lässt sich das Visum für Angola im Internet beantragen. Man muss lediglich den Ankunftsflughafen oder Grenzübergang auswählen, ein elektronisches Formular ausfüllen, ein paar Dokumente hochladen und schwups – nach etwa 48 Stunden bekommt man das Visum per E-Mail zugeschickt. Oder so ähnlich. Ich scheiterte jedoch schon an der ersten Frage: „wo möchten Sie einreisen?“. Da bei mir die Wahl des Flughafens eher nicht zur Debatte stand, suchte ich verzweifelt nach möglichen Optionen über den Landweg. Leider ließ keiner der Grenzübergänge im Norden das eVisum zu, so blieb mir keine andere Wahl als den üblichen Weg einzuschlagen: das Visum in einer angolanischen Botschaft persönlich zu beantragen.

Nun wie sieht eine „normale“ Visum-Prozedur in Afrika aus? Man geht in die Botschaft, füllt das Antragsformular aus, gibt ein Passfoto ab, zahlt eine bestimmte Gebühr und holt das Visum am nächsten Tag ab (DR Kongo) oder bekommt es gleich vor Ort ausgestellt (Côte d‘Ivoire, Republik Kongo). Ich hatte schon eine leichte Vermutung, dass dies mit dem angolanischen Visum etwas komplizierter werden könnte. Das mich das fast den ganzen Tag kosten sollte, hätte ich nicht gedacht.

Am 25. November stand ich früh auf. Ich wollte noch ein paar Kleinigkeiten erledigen, bevor ich das Visum in der Botschaft beantragen würde. Was ich hierfür alles an Unterlagen benötigte, las ich in der (mal wieder sehr nützlichen) App iOverlander. Hierzu gehört ein Antragsformular, welches man vor Ort bekommt, aber außerdem noch eine Hotelreservierung, ein Flugticket, eine farbige Kopie des Reisepasses, eine Kopie des Impfbuches mit Gelbfieberimpfung, zwei Passfotos und ein sogenanntes „Document of Request“, in dem man erklärt, warum man nach Angola einreisen will. Im Prinzip alles machbar. Ich schrieb eine halbe Seite Lobeshymne auf die Schönheit des Landes Angola, die ich auf dem Landweg erkunden möchte. Man weiß ja nie, wie die Laune des Beamten ist, der mir später das Visum ausstellen wird. Außerdem schrieb ein User auf iOverlander, dass man ein Fake-Flugticket auf dem Flughafen bekommen kann. Ein Fake-Flugticket? Ich war nicht bereit, im „Document of Request“ über meine geplante Motorradreise durch Angola zu schreiben und dann ein Fake-Flugticket zu präsentieren! Dem dümmsten Beamten wäre dies sicherlich auch aufgefallen, dass ich kein Flugticket benötige, um das Land auf dem Motorrad zu bereisen. Ich schrieb also explizit rein, dass ich das geforderte Flugticket leider nicht präsentieren kann, weil ich es nicht brauche. Das ist das schöne am Reisen mit dem Motorrad: du kannst alles auf dem Landweg erkunden.

Die erste Aufgabe des Tages, nämlich das Kopieren der Dokumente und das Drucken meines Erklärungsbriefes, verursachte bereits gewisse Schwierigkeiten. Im ersten Copy-Shop war die technische Ausstattung des Ladens leider nicht ausreichend, um eine Farbkopie des Reisepasses zu machen. Der Laden bestand aus einer Holzhütte mit einem Blechdach. Für die Stromversorgung sorgte eine einzige Steckdose, in der ein großer Verteiler mit unzähligen Kabeln steckte. Dort war auch ein Drucker angeschlossen, der am Ende nichts nutzte: wir haben es leider nicht geschafft, die Datei vom Ipad auf den PC zu übertragen. So bedankte ich mich bei der jungen Dame, die nichts unversucht ließ, und ging auf die Suche nach einem anderen Copy-Shop. Das, was man in Europa in jedem Zuhause selbst leicht erledigen kann, ergab sich hier als wahre Herausforderung. Beim zweiten Copy-Shop hatte ich schließlich mehr Glück und konnte die fehlenden Unterlagen ausdrucken bzw. kopieren.

Nun war ich – wie ich dachte – bestens vorbereitet und konnte in die Botschaft fahren, um meinen Visumantrag zu stellen. Dort angekommen, bekam ich gleich das Antragsformular ausgehändigt, natürlich auf Portugiesisch und Französisch. Keine Chance eine englische Übersetzung zu bekommen. Aber ok – ich mache es ja schließlich nicht zum ersten Mal, es wird schon klappen – stellte ich mir in meiner Naivität vor. Leider klappte es nicht: meine gebundenen Portugiesisch-Französischen Kenntnisse waren nicht ausreichend. Es stellte sich heraus, dass ich meine deutsche Adresse mit der in Kongo (wo ich zu Gast war) verwechselt hatte. Der Beamte akzeptiert keine Korrekturen im Antrag. Also durfte ich erneut dasselbe Formular ausfüllen und wurde dabei mehrfach ermannt, dass der Konsul es nicht leiden kann, wenn man unleserlich kritzelt. So bemühte ich mich, die schönsten Buchstaben meines Lebens zur Papier zu bringen. Ich wollte ja den Konsul nicht enttäuschen.

Der Beamte beäugte das Formular kritisch und nickte. »Jawohl, ich habe es geschafft« – freute ich mich. Dann kam die schlechte Nachricht: »Sie müssen nun die Gebühr bezahlen und das geht leider bei einer bestimmten Bank im Stadtzentrum« – sagte der Beamte und steckte mir einen Spickzettel mit der Kontoverbindung zu. Als ich den Zettel mit großen Augen betrachtete, erhob sich im Wartezimmer ein Herr im Anzug und sprach mich auf Englisch an: »Ich bin Ihr Mann. Ich muss auch eine Gebühr für die Botschaft zahlen. Ich zeige Ihnen, wo das möglich ist.«

»Sehr gerne« – freute ich mich über das unerwartete Geschenk der Götter. Ich dachte schon, ich würde viel Zeit mit der Suche nach der „Credit du Congo“ Bank verlieren. Die Hilfe meines neuen Freundes ergab sich als sehr wertvoll. Damals wusste ich noch nicht, dass das Auffinden der Bank die Probleme nicht lösen würde. Dass man die Gebühr nur in US-Dollar bezahlen konnte, teilte mir der Angestellte der Botschaft noch freundicherweise mit.

Wilfrid wusste wirklich Bescheid, wo wir alles finden konnten. Wir fuhren zuerst zur Wechselstube, um uns die Dollars zu besorgen. Dies war bei Western Union möglich . Nachdem ich ein Formular mit all meinen persönlichen Angaben ausgefüllt hatte, konnte ich die CFA in US-Dollar umtauschen. Auch meinen Reisepasse musste ich zum Kopieren abgeben und mitteilen, wozu ich die Dollars verwenden möchte. Nach 30 Minuten war es erledigt. Danach fuhren wir zur Bank Credit du Congo, um die Visumsgebühr einzuzahlen. Dies war eine wahre Herausforderung, trotz der Anwesenheit eines Einheimischen, der eigentlich Bescheid wissen sollte, wie die Einzahlungsprozedur verlief. Als Erstes zogen wir je eine Wartemarke. Wir schauten auf die Nummern und waren verdutzt: zwischen uns und der Nummer, die auf der Tafel angezeigt wurde, sah es so aus, als ob wir hier Stunden verbringen würden, bis wir dran wären.

so standen wir eine Weile herum, bis wir entschieden, an den Infoschalter zu gehen. Wir erhielten erneut Formulare, die wir ausfüllen sollten. Es scheint, als wäre es im Kongo nicht so einfach möglich, einen Betrag auf fremde Konten einzuzahlen. Man muss ganz schön viele Informationen preisgeben. Als wir die Formulare fertig ausgefüllt hatten, ergab sich, dass wir am falschen Ort sind. Um US-Dollar einzuzahlen, hätten wir einen anderen Eingang im Gebäude nehmen müssen. Wir entschuldigten uns höflich und gingen zum besagten Eingang. Am neuen Ort trafen wir auf eine Empfangsdame, die uns informierte, dass wir erstmal Platz nehmen und warten sollten. Vor uns waren nur etwa 5-6 Personen. Das müsste jetzt aber schneller vorangehen – dachten wir. Eine halbe Stunde später waren wir dann auch endlich an der Reihe. Wir betraten ein Zimmer hinter einer abgedunkelten Glaswand. Dort fanden wir unseren Mann – ca. Ende 60 Jahre alt, im Anzug, mit strengem Gesichtsausdruck. Wir erklärten kurz, was wir wollten. »Haben Sie das Formular ausgefüllt und die Scheine kopiert, die sie einzahlen wollen?« fragte er. »Scheine kopieren?« schauten wir ihn ungläubig an. Natürlich hatten wir das nicht getan. Also begaben wir uns wieder zur Empfangsdame: »Wären Sie so nett uns die Formulare zum Ausfüllen zu geben und unsere Scheine zu kopieren« baten wir höflich. Selbstverständlich fragten wir nicht, warum sie uns das nicht früher sagte, während wir nutzlos über eine halbe Stunde im Warteraum verbrachten. Wir schauten uns nur an und schüttelten den Kopf.

Während wir die Formulare ausfüllten, kopierte sie unsere Dokumente und natürlich die Scheine. Da Wilfrid fünf Zwanziger Scheine hatte, kopierte sie jeden einzeln. Bei mir war es schon sinnvoller: ich hatte einen Hunderter und einen Fünfer, die dann mit viel Sachkenntnis kopiert wurden. Wir fragten uns noch, ob das überhaupt legal war, die Scheine zu kopieren.

Dieses Mal durften wir ohne Wartezeit zu unserem Mann und die Einzahlungsprozedur begann: zuerst alle Angaben vom Formular in den PC eintippen, selbstverständlich mit zwei Finger-System. Dann legte er jedem von uns eine Aktenmappe an, wo er die Formulare und die kopierten Scheine reinlegte. Mit ein klein wenig Sarkasmus dachte ich mir »Jetzt haben wir es geschafft. Es kann sich gerade nur um Stunden handeln, bis alles erledigt ist.«

Ich händigte ihm den Spickzettel mit der Kontonummer von der Botschaft aus. Der Herr tippte die Nummer im System ab: »Die Nummer ist nicht korrekt. Es fehlt eine Ziffer!« Wilfrid und ich schauten uns an. »Das kann nicht sein. Das ist ein offizieller Ausdruck, den wir direkt in der Botschaft erhalten haben«, versuchte ich den Beamten noch umzustimmen. Nach weiteren 15 Minuten und mehreren Telefonaten, die der Beamte freundlicherweise tätigte, konnte die Kontonummer der Botschaft geklärt werden. So zahlten wir die Gebühren endlich ein, nahmen unsere Quittungen mit und verließen erleichtert die Bank. Es fühlte sich wie eine wichtige Universitätsaufnahmeprüfung an, die wir gerade bestanden haben.

Zurück in der Botschaft wurde ich einem wichtigeren Angestellten vorgestellt, der mich interviewen sollte. Nach einem kurzen Gespräch kam er zum Entschluss, dass ich geeignet sei, Angola zu bereisen. Am nächsten Tag erhielt ich mein Visum.

Auf dem Trockenen in Kongo

Mein kamerunisches Visum war schon seit drei Tagen abgelaufen. Ich war dennoch optimistisch, dass mich das mit etwas Glück in keine all zu großen Schwierigkeiten bringen würde… Am Ende behielt ich Recht, musste aber zwischenzeitlich ordentlich schwitzen. 

Die kamerunischen Straßen haben es in sich: wenn es regnet, verwandeln sich die Offroad-Abschnitte in einen Sumpf. Mit meinem Offroad-Glück durfte ich natürlich kosten, wie es sich so im Matsch fährt. Es gibt wahrlich schönere Erfahrungen. Wenn man nicht so oft auf der Seite im Dreck liegen möchte, fährt man mit der unglaublichen Geschwindigkeit (oder besser gesagt Langsamkeit) von ca. 5m pro Minute. Man schiebt halt abwechselnd die Füsse neben dem Moped durch den Schlamm und versucht vorsichtig nach Vorne zu kommen. Meistens gibt es LKW-Rillen, in denen die Schlammschicht nicht so tief ist. Der Nachteil dabei: es gibt wenig Platz, um die Füsse neben dem Bike in den Rillen abzustellen. So muss man die Beine hochheben, sie auf den seitlichen Schlammhügeln abzustützen und versuchen, sich irgendwie gerade zu halten. Diese Prozedur würde wahrscheinlich sogar Spaß machen, wenn man sich nicht gerade mitten im Regenwald befinden würde und bis zur nächsten Siedlung 50-100km zu fahren hätte. 

Die meisten Abschnitte der kamerunischen Straßen waren doch relativ gut befahrbar. Es kamen aber immer wieder welche, die mich ordentlich schwitzen liessen. Irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, kam dann endlich die Ortschaft, in der ich mir vorab schon ein ein Hotel herausgesucht hatte. Es fehlten noch gerade mal 1,5km, als mich die Polizei an einem Kontrollposten stoppte. Ich – gut gelaunt und nichts ahnend – übergab dem Polizisten meinen Reisepass. Er schaute sorgfältig hinein. Viel zu sorgfältig! Ich fing an mir Sorgen zu machen. Dann kam der Schock:

»Ihr Visum ist seit vier Tagen abgelaufen. Sie müssen zurück nach Yaoundé fahren« – sagte der Polizist gefühllos. 

Mich erwischte der Schlag! »Sie müssen sich irren, Sir« – versuchte ich ihn umzustimmen: »Mein Visum gilt für 30 Tage und ich bin erst seit dem 14. November da«. Ich glaube zwar nicht, dass mir diese billige Ausrede helfen würde, aber es schadete ja bekanntlich nicht, es zu versuchen. 

Der Polizist kaufte mir diese Erklärung nicht ab und ging zu seinem Vorgesetzten. Ich musste das Moped am Straßenrand parken, um andere Fahrzeuge nicht zu behindern. Nach einigen Minuten rief mich der Chefpolizist zu sich:

»Ihr Visum ist abgelaufen. Sie müssen nach Yaoundé« – wiederholte er trocken, was ich schon von seinem Kollegen hörte. 

»Lieber verrecke ich hier auf der Stelle oder lass mich erschießen, als zurück durch den Dschungel zu fahren!« – dachte ich gleich, sagte es aber vorsichtshalber nicht laut. Ich machte stattdessen ein super trauriges Gesicht, als ob ich gleich losheulen würde. Ich setzte mich dann schweigend auf den Boden neben dem Polizeiposten und fing an, noch trauriger auszusehen. Der Polizist fragte noch, was ich denn zu tun beabsichtige. Ich antwortete, dass ich jetzt kurz vor der Grenze nach Kongo sei und nicht bereit bin, zurück nach Yaoundé zu fahren. 

So saß ich auf dem Boden und versuchte Mitleid zu erregen. Ums Verrecken schwor ich mir, keine Bestechungsgelder zu zahlen. Die Lösung war jedoch so einfach eigentlich: die Beamten sollten mich einfach weiter fahren lassen.

Nach ca. 20-30 Minuten meiner sitzenden Protestaktion kam dann endlich der Chefpolizist, reichte mir meinen Reisepass und sagte trocken: »Verschwinde«. Das musste er nicht ein weiteres Mal wiederholen. Ich sprang auf, setzte mich aufs Moped und gab Gas. Am nächsten Morgen war das Problem allerdings nicht aus der Welt geschafft. Ich hatte immer noch 150km zu fahren und ggf. etliche Polizeikontrollen zu überstehen. Nun hatte ich eine Strategie und wollte nicht mehr so leichtsinnig meinen Reisepass mit dem abgelaufenen Visum aus der Hand geben. Ich wollte die Beamten einfach nicht zu Wort kommen lassen, sie mit meiner Afrika-Reise beeindrucken und so abzulenken. Darüber hinaus hatte ich noch einen Joker im Ärmel: ich habe zuvor erfahren, dass der kamerunische Präsident Biya in Baden-Baden zur Kur war! Hammer! Diese Info sollte mir doch helfen können. 

Die Strategie ging voll auf! Es gab insgesamt drei Kontrollen. Die ersten zwei konnte ich mit meinen Stories über „meine großartige Reise und Mission“ so „benebeln“, dass sie nicht mal den Pass verlangten. Die dritte Kontrolle war etwas strenger: ich sollte bitte doch keine Passkopien (ich hatte die erste Reisepass-Seite einlaminiert präsentiert), sondern den Reisepass zeigen. In diesem Moment kam meine Baden-Badener-Präsidenten-Kur-Geschichte zur Geltung: der Beamte wusste das sogar selbst! Wir verabschiedeten uns wie besten Freunde. 

Doch vor mir lag noch die Grenze. Dort werden sich die Beamten bestimmt nicht so leicht verarschen lassen – dachte ich. Mein Plan war: sobald das Thema des Visums kommt, hatte ich vor, ein „Ausreise-Visum“ zu beantragen. Ich lies zuvor im Internet, dass dies möglich wäre, aber mit gewissen Kosten verbunden und die Höhe der Gebühr von der Laune der Grenzbeamten abhängen würde. Doch dann passierte etwas, was mich über das Ausmaß meines Glücks an diesem Tag staunen ließ. Ich kam an der Grenze an. Klopfte an der Tür des Immigration-Office an und ging rein. In dem Raum sah ich, dass der Beamte auf dem Schreibtisch einfach tief im Schlaf versunken schnarchte! Ich weckte ihn sanft und er – noch halb im Schlaf – haute einfach den Ausreisestempel in meinen Pass ohne ein Kommentar herein! Ich lachte innerlich laut auf, als ich diese Aktion sah. Trotzdem behielt ich die Fassung, bedankte mich höflich und fuhr bestens gelaunt nach Kongo. 

In Kongo wartete auf mich eine neue Welt: eine exzellente Straße – sofort ab der Grenze – und gut gelaunte Beamten. Die Formalitäten dauerten wenige Minuten und ich befand mich auf der bis dahin besten Straße in Afrika! Den Chinesen sei Dank! Ich war im Glück. Ich fuhr bis zur nächsten Ortschaft, fand dort ein nettes Hotel mit Hilfe der lokalen Polizei, die mich zuerst kontrollieren wollte, dann aber half, einen guten Zimmer-Preis auszuhandeln. Am nächsten Morgen war ich startklar für die über 1000km lange Strecke nach Brazzaville. 

Meine ursprüngliche Euphorie war groß. Diese Begeisterung hielt für ca. 100 km an. Die erste Polizeikontrolle an diesem Morgen verlief noch angenehm und ich fragte noch um einen Rat, ob ich direkt in den Süden oder doch lieber einen ca. 20 km Seitenabstecher nach Ouesso, der nächst gelegenen Stadt, machen sollte. Ich hatte nämlich nur noch ca. 100 km Reichweite und musste dringend tanken. Der Polizist meinte, ich soll doch lieber nach Ouesso fahren. In die andere Richtung könnte es knapp werden. 

So nahm ich die Seitenstraße und fuhr nach Ouesso. Nach 15 km kam die erste Tankstelle. Der Tankwart saß auf einem Plastikstuhl und aß Nüsse: »Die Tankstelle ist geschlossen, fahren Sie zur Nächsten. Vielleicht gibt es dort Benzin.« So fuhr ich weiter – von einer leeren Tankstelle bis zur nächsten: überall kein Sprit, alles leergetankt. Am Ende fand ich eine große, moderne Total-Tankstelle. Leider genauso trocken wie die anderen. Der hiesige Mitarbeiter schlug mir vor, in der Bar gleich gegenüber nach dem „Gaddafi-Benzin“ zu fragen. Ich machte große Augen, folgte jedoch dem Hinweis. Ich hatte keine Wahl. Es gab weit und breit keine Möglichkeit, „normal“ zu tanken. So fuhr ich zu der Bar, die ihren größten Umsatz wohl nicht gerade mit alkoholischen Getränken machte. Dort angekommen musste ich nicht mal erklären, was ich brauchte. »How many liters?« war das übliche „Guten Tag“. Ich bestellte 15 Liter und der „Kneipen-Tankwart“ verschwand im Hinterhof. Er kam mit drei 5-Liter-Kanistern zurück und fing gleich an, meinen Tank mit Benzin zu befüllen – in Hoffnung, dass es sich tatsächtlich um Benzin handelte. Es ist schon echt ein komisches Gefühl, wenn man sich an einem völlig fremden Ort – umgeben von fremden Menschen – und 1000km Entfernung bis zur nächsten Großstadt in der gegebenenfalls dein Moped repariert werden könnte, den Tank mit einer Flüssigkeit aus einem nicht transparenten Behälter befüllen lässt. Und es hätte alles sein können! Es war eine Bar, in der die Gäste bestimmt auch Bier trinken und auf die Toilette mussten. Wer weiß schon, wo sie dann das Wasser ablassen. 

In Gedanken vertieft machte ich einen entscheidenen Fehler: ich vergass vor der Betankung zu fragen, was ich zu zahlen hatte! Das stellte ich mit Erschrecken erst fest, als der letzte Tropfen im Tank landete. Jetzt war der Tank befüllt, sie könnten alles von mir verlangen, selbst 100 Dollar zu bezahlen oder die hässlichste Frau der Stadt zu heiraten. Ein junger Mann mit tapferer Mine kam auf mich zu und sagte auf Englisch: »Es macht dann 1500 CFA (Franks) pro Liter!« Er sah so aus, als ob er bereit wäre, dafür in den Ring zu steigen, wenn ich diesen Preis nicht zahlen würde. Anscheinend haben sie einen Burschen, der genug auf Englisch sagen kann mit ausreichend gefährlich zusammengezogenen Augenbrauen, die jeden Widerspruch im Keim ersticken sollten. Ich schaute um mich herum. Es bildete sich mittlerweile auch eine mittelgroße Gruppe an Zuschauern um uns herum. Die wollten bestimmt sehen, wie der dumme Tourist in einer meisterhaften Aktion über den Tisch gezogen wird. 15 Liter mal 1500 Franks macht dann 22.500 Franks, umgerechnet ca. 35 Euro. Ein stolzer Preis. Ich schaute verärgert auf die trockene Total-Tanke gegenüber. Auf der Preisanzeigetafel stand: 650 Franks für ein Liter Super. So ein Mist! Resigniert übergab ich dem „Tankwart“ zwei 10-Tausender. Er nickte zustimmend. 

Ich setzte mich aufs Motorrad, ignorierte erbost eine Anfrage von einem Zuschauer, der sich mit aller Kraft noch mit mir fotografieren lassen wollte, dachte »Ich mag dieses Land nicht mehr«, startete den Motor und fuhr mit Vollgas davon. Stinkefinger streckte ich nicht heraus. Ich war sauer auf mich selbst, auf meine Naivität und auf die Leute dort. Sie sahen ihre Chance und nutzten sie gnadenlos aus. Ich war aber um eine wichtige Erfahrung reicher: zuerst nach dem Preis fragen, verhandeln, dann einkaufen. Das Problem mit den trockenen Tankstellen begleitete mich fast bis nach Brazzaville, die Erste funktionierende Tankstelle fand ich erst 100 km vor der kongolesischen Hauptstadt. Ich musste noch zwei Mal auf das „Gaddafi-Gold“ zurückgreifen und Benzin flaschenweise kaufen. Verarschen ließ ich mich aber nicht mehr. Und der Flaschen-Sprit war tatsächlich von guter Qualität. 

So ließ sich die sehr gute kongolesische Straße nach Brazzaville leider auch nicht auskosten. Wenn du ständig auf die Tankanzeige schaust und nur an trockenen Tankstellen vorbeifährst, ist das kein gutes Reisegefühl. Woher kommt aber das „Gaddafi-Gold“? Überall erzählten die Leute, es sei aus Libyen geschmuggelt. Diese Erklärung ergab aber nicht wirklich Sinn. Libyen ist weit weg und Kongo ist ein an Ölvorkommen reiches Land. Das Öl ist sogar die größte Einnahmequelle im Land. Später erfuhr ich, dass Land sei in der Krise. Es gibt nur wenige, die vom Öl im Land profitieren. Die Bevölkerung hat nicht viel davon. So hamstern sie das Benzin und verkaufen dieses, um in Zeiten von Lieferschwierigkeiten Profit zu schlagen.

In Brazzaville hatte ich keine Tankschwierigkeiten mehr. Die Stadt war sehr gut versorgt und präsentierte sich im Allgemeinen als eine moderne, angenehme und nicht so überfüllte Metropole. Der Verkehr war nicht so chaotisch, wie in den bisherigen Großstädten. Die Fahrer hielten sich an die Verkehrsregeln, stoppten sogar an den roten Ampeln und hupten dich nur in seltenen Fällen an, zum Beispiel wenn du ihnen die Vorfahrt nimmst, weil du nichts anderes aus den afrikanischen Ländern kennst, als einfach immer zu fahren, wenn es eine Lücke gibt. 

Kamerunische Begegnungen

Über Kunsthändler, Ambazonier und polnische Priester

Die Grenzüberquerung nach Kamerun war geschafft! Die Erleichterung war groß. Ich musste zwar wieder stundenlang schlechte Straße „erdulden“, aber das störte mich nicht so sehr. Ich war endlich in Kamerun und die Welt sah auf einmal anders aus: nette, freundliche Polizisten, die keine Geschenke verlangten. Ihr Sinn für Entfernungen war zwar nicht sehr ausgeprägt: als ich fragte, wie lange die schlechte Straße noch anhält, war die Antwort sofort: 75 km. Am Ende ergab sich, dass es noch 130 km waren. 

Nichtsdestotrotz genoß ich den Tag, die Sonne schien, ich war zufrieden. Am späten Nachmittag kam ich in Foumban an und suchte nach einem Geldautomaten. Dort sprach mich plötzlich ein gut gekleideter Mann auf Deutsch an! Ob ich aus Deutschland bin und wo ich hinfahre. Meine Verblüffung war groß! Dann wurde sie noch größer: Desire, so hieß der Fremde, hat einen Bruder in Berlin! Ohne zu überlegen, griff Desire zum Handy und rief seinen Bruder über Whatsapp an. Wir sprachen eine Weile. Es ergab sich: der Bruder arbeitet in Berlin als Busfahrer. Er spricht sehr gutes Deutsch. Er fragte mich, wann ich nach Berlin kommen werde – ich scherzte zurück, dass ich erst nach Yaoundé fahren möchte. 

Desire nahm mich dann unter seine Fittiche, brachte mich zu einem netten lokalen Hotel, handelte den Preis für mich runter und lud mich zu sich nach Hause zum Abendessen ein. So bekam ich einen Einblick in das Leben eine kamerunischen Familie, deren Hälfte der männlichen Familienmitglieder das Geld im Ausland verdiente. 

Auf einem Areal standen mehrere Häuser eng zusammen. Als ich dort ankam, war es leider schon dunkel und ich konnte nicht alles im Detail sehen. So führte mich mein Gastgeber zwischen den Häusern herum und wies mich in die Belegung der Häuser ein. Die Häuser sahen von außen geräumig aber nicht fertiggestellt aus . 

»Da drüben lebt mein Vater. Das Haus auf der linken Seite gehört zu meinem Cousin, das andere hier zu einem Onkel. Hier ist das Grab meiner Mutter und in diesem Haus lebe ich mit meiner Frau« – erklärte Desire, als eine weitere junge Frau ihren Kopf durch einen Türspalt raussteckte. »Und das ist die Frau von meinem Bruder aus Berlin« – ergänzte er. 

Später als wir beim Essen waren, erzählte Desire, dass er öfters nach Berlin fährt und dort auf einem Flohmarkt afrikanische Kunst verkauft. Er zeigte mir ein paar alte Masken, Bronzefiguren, und andere Erzeugnisse der afrikanischen Volkskünstler. Er meinte, manches sei über 200 Jahre alt! Ich wusste echt nicht, was ich davon halten sollte. Jahrhunderte alte Kunstobjekte, die man einfach so ins Flugzeug packt und auf einem Flohmarkt in Berlin verscherbelt? Ist das überhaupt legal? Lässt sich das einfach so ins Flugzeug mitnehmen? Wenn ja, wären sie nicht interessant für Völkerkundemuseen? Ich nahm mir vor, Desire irgendwann mal in Berlin aufzusuchen und ihn mit meinen Fragen nochmals zu quälen. Vielleicht auch was kaufen?

Meine zweite spannende Begegnung ereignete sich in Yaoundé. Dort traf ich Ali. Er war mein Gastgeber, erneut dank CouchSurfing gefunden. Er wartete auf mich an einem vereinbarten Ort in der Stadt und lud mich zu sich nach Hause ein. Das tat er allerdings etwas zögerlich. Er meinte, dass er in sehr bescheidenen Verhältnissen lebt und möchte mich vorwarnen. Ich antwortete, dass ich damit kein Problem habe und nicht an Luxus gewohnt sei. 

Nun war sein Appartement wirklich sehr klein und bescheiden. Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass mich das nicht schockte. Wie es aussah – dazu komme ich noch später im Detail. 

So trugen wir mein Gepäck ins Zimmer und entschieden uns in die Stadt zu gehen, um zu essen und uns zu unterhalten. Wir fanden gleich ein Restaurant direkt auf der anderen Straßenseite. Ein Familienbetrieb, wo man über den Preis für den Fisch noch verhandeln konnte. Wir bestellten unser Essen und Ali begann seine Geschichte zu erzählen. Er sprach mit sehr leiser Stimme und was ich erfuhr, schockierte mich wahrlich. 

Ali wuchs in Bamenda, der größten Stadt in der englischsprachigen Region, auf. Er studierte Betriebswirtschaft und versuchte sich auch als Businessmann. Er eröffnete ein Restaurant, dass anfänglich gut lief aber nach zwei Jahren von einem lokalen Wirtschaftsboss übernommen wurde. Er engagierte sich auch ein Jahr lang als freiwilliger Helfer im Norden Kameruns, als eine Überschwemmung die Region verwüstete. 2013 kam er in die Hauptstadt Yaoundé, um dort nach Glück im Berufsleben zu suchen. Anfangs lief alles bestens, er hatte eine gut bezahlte Arbeit, bemühte sich sogar um Einstellung im öffentlichen Dienst. Dafür hätte er eine Aufnahmeprüfung bestehen müssen, die er leider nicht schaffte. Im Allgemeinen scheint der öffentliche Dienst in Kamerun (vielleicht in anderen afrikanischen Staaten auch) so eine Art berufliche Garantie zu sein, die einem ermöglicht, bis Lebensende abgesichert zu sein und mit etwas Glück, reich werden zu können. 

Dann kam der Aufstand der Ambazonier im Jahr 2016. Seitdem herrscht ein Bürgerkrieg im Westen und die englischsprachigen Kameruner werden wie Bürger zweiter Kategorie im restlichen Kamerun behandelt – so Ali. In Ambazonien selbst herrsche die Willkür der kamerunischen Soldaten, die auch davon nicht zurückschrecken, auf Zivilisten zu schießen. Es kam  sogar zu Vorfällen, bei denen westliche Touristen zu Schaden kamen. Die kamerunischen Soldaten sollen auf sie geschossen haben und dafür die Sezessionisten schuldig erklärt haben. Vor ca. einem Jahr wurde ein 19-jähriger Priesteranwärter direkt vor seiner Kirche durch Soldaten erschossen – darüber berichtete die Deutsche Welle am 19.10.2018. Und wie sich das abgespielt haben soll, lässt erschaudern. Demnach hielt ein Militärfahrzeug vor der Kirche an. Die Menschen flüchteten und der junge Priester versteckte sich am Eingang. Er wurde jedoch gefunden. Ein Soldat befahl ihm sich hinzulegen und exekutierte ihn. Es gibt noch weitere solche Fälle. Das Militär wird beschuldigt, Menschen willkürlich festzunehmen, zu foltern und zu töten. 

Ali sieht weder für die anglophonen Kameruner, noch für sich selbst einen Ausweg aus dieser Misere. Am liebsten würde er auswandern: gerne nach Europa, aber nicht unbedingt. Nigeria oder Ghana wäre für ihn auch eine Option. Ich versuchte ihn über die Situation aufzuklären, was ihn in Europa erwarten würde: lebensgefährliche Wege bis dorthin, niedrigste Löhne (wenn überhaupt und dann wahrscheinlich nur als Schwarzarbeiter), schwerste Arbeit, schlechte Wohnbedingungen auf kleinstem Raum, kaum medizinische Versorgung, wenn man sich als Illegaler aufhalten würde und die Gefahr, Opfer von Schlepperbanden zu werden. Ali antwortete nüchtern: »Es wäre ja immer noch besser als in Kamerun zu bleiben. Mit harter Arbeit habe ich kein Problem und du hast gesehen, wie ich wohne.« 

Ja, ich habe es gesehen und erlebt. Ali wohnt auf ca. 12qm. Dort befindet sich alles: das Bett, die Garderobe, ein Schreibtisch, seine Küchenuntensillien, Bücher, Taschen und vieles mehr. Als ich mit meinem Reisegepäck hereinkam, bekam ich erstmal einen Schock. Ich stellte meine zwei Aluboxen und die große Reisetasche gestapelt ab. Das Resultat: im Raum konnte dann nur noch eine Person stehen. Sobald die Zweite herein wollte, musste sich die Person, die schon im Raum befand, auf das Bett setzen. Dass es so eng war, war noch nicht mal so dramatisch. Viel schlimmer fand ich, dass man keine eigene Toilette hat, geschweige denn ein eigenes Badezimmer. Das Appartement ist nur eines von vielen in diesem „Wohnkomplex“, das aus ca. drei -auf einer sehr engen Fläche- gebauten kleinen Häusern bestand. Zwischen ihnen gab es maximal einen Meter Abstand und man musste erstmal durch ein Labyrinth, um zum Appartement zu gelangen. Man ging auch an einem Raum mit Vorhang vorbei, dessen Geruchskullisse seine Verwendung verriet. Später erfuhr ich, dass dieser Raum, mit einem kleinem Loch in der Mitte, als Toilette und Dusche dient: und zwar für alle, die dort wohnen. Es sind vermutlich sechs bis acht Familien. Schreck lass nach…

Die Miete für dieses Appartement beträgt 25.000 CFA, umgerechnet 38 EUR pro Monat. Es ist aber nicht billig, wenn man nur 115 EUR pro Monat in einem Reisebüro verdient. Nur um einen Vergleich zu ziehen: Ali und ich waren im lokalen Restaurant essen. Wohl gemerkt: kein Restaurant für Touristen. Ich lud Ali natürlich ein und bezahlte für uns beide 5.000 CFA (7,60 EUR). Es erscheint mir unmöglich, dort gleichzeitig zu verdienen und zu leben! 

Die Nacht bei Ali war alles andere als entspannt. Wir teilten uns sein Bett, was für mich kein Problem darstellte – Ali hätte aber große Chancen gehabt, an einem Schnarchwettbewerb teilzunehmen und eine gute Platzierung zu erzielen. Viel schlimmer fand ich jedoch eine andere Geräuschkulisse. In der Dunkelheit konnte ich nicht erkennen, was die nächtlichen Geräusche verursachte. Es klang aber nach etwas deutlich größerem als eine Maus. Ich würde Ratten nicht ausschließen, die die Küchenuntensillien bewanderten. Das metergroße Loch in der Decke klaffte mehr als einladend für solche Spaziergänge auf. So vergrub ich mich in meinem Schlafsack und schwitze ordentlich – denn draußen waren es um die 30°. 

Am nächsten Morgen – ich konnte die ersten Sonnenstrahlen kaum erwarten – standen wir früh auf und gingen schnell zu unserem Restaurant vom Vorabend, um zu frühstücken. Dort gab es natürlich auch eine Toilette. Den afrikanischen Göttern sei dank! 

Ursprünglich wollte ich bei Ali zwei Nächte übernachten. Ich verwarf verständlicherweise jedoch diesen Plan. In der Zwischenzeit fand ich einen neuen spannenden Ort, wo ich übernachten konnte: ein Waisenhaus im Süden von Yaoundé, unter der Leitung eines polnischen Priesters. Und es sollten dort auch Zimmer für Reisende zur Verfügung stehen! 

Mit Ali verbrachte ich noch den ganzen Vormittag. Ich versuchte ihm Mut zu machen, angesichts der Tatsache, dass dieser junge Mann viel Potential hat! Er soll niemals aufgeben und definitiv versuchen, wieder was eigenes auf die Beine zu stellen. Mit der langjährigen Erfahrung aus dem Reisebüro, mit seinem BWL-Studium und vor allem mit seiner Zweisprachigkeit: Englisch und Französisch, könnte er doch selbst versuchen, Reisen in Kamerun für Ausländer zu organisieren. Kamerun hat so viel anzubieten: Regenwald, wunderschöne Landschaften, lokale Traditionen. Definitiv einen Versuch wert – motivierte ich Ali. Ich habe das Gefühl, dass er gerne zuhörte und dass ich ihn motivieren konnte. Wir versprachen uns in Kontakt zu bleiben. Ich bin sehr gespannt, wie sich sein Leben weiter entwickeln wird. Wir umarmten uns herzlich und ich fuhr weiter. Am Ende gestattete er mir noch, seine Geschichte zu beschreiben, dennoch nicht seinen richtigen Namen zu verraten. Diesem Versprechen blieb ich treu.

Das Waisenhaus war nicht leicht zu finden. Es war ein Ort hinter hohen Mauern, so wie alle anderen Häuser in der Nachbarschaft. Es weder Hinweisschilder noch sonst etwas anderes, was auf die Einrichtung deuten könnte. So fragte ich mich durch und fand das Haus schließlich. Das große Tor öffnete mir ein junger Mann und ich wurde durch Marianne begrüßt, die sich später als die Haushälterin erwies. Marianne war sehr freundlich und strahlte förmlich als sie erkannte, dass sie mit mir Polnisch sprechen konnte. Sie beherrschte die Sprache zwar nicht sehr gut, sagte aber in einem Atemzug eine Reihe polnischer Wörter auf, darunter mindestens ein paar bekannte polnische Schimpfwörter – und grinste dabei breit. »Wow« – dachte ich – »Was für ein cooler Ort!« »Hier muss ich länger bleiben« 

Das Haus des Priesters präsentierte sich imposant. Eine wunderschöne weiße, großzügig gebaute Villa. Mir wurde darin auch ein Zimmer angeboten, aber ich entschied mich lieber im bescheidenen Nebengebäude ein Zimmer zu nehmen, wo auch die Kinder wohnten. Das Zimmer war auch absolut ausreichend: es war sauber, ich hatte ein schönes Bett und einen Schreibtisch. An der Wand hing ein Kreuz – »Naja, das wird mich dann wohl nicht umbringen« – scherzte ich in meinen Gedanken – »Die paar Tage werde ich den Anblick des Foltergeräts selbst als Atheist ertragen können«. 

Ich kam an einem Sonntag und die Kinder waren allesamt da, beschäftigt mit dem Waschen der eigener Kleidung. Sie schauten neugierig zu mir auf, lächelten dezent und setzten ihre Arbeit fort. Sie waren wahrscheinlich gewohnt, diverse Reisende zu sehen, die dort übernachteten. Das Haus ist selbst auf iOverlander verzeichnet. 

Der Priester Dariusz war nicht da, sollte aber in der Nacht aus Polen zurückkommen. In der Tat: um 2:00 Uhr morgens klopfte jemand an meiner Tür und riß mich aus dem Tiefschlaf. Dariusz stand vor meiner Tür und fragte, ob ich Lust habe, mit ihm ein Bier zu trinken. Ich, noch halbtrunken im Schlaf, bedankte mich für die Einladung und lehnte sie freundlich ab: »Ich würde lieber ins Bett zurück, morgen wäre auch ein guter Tag, um sich auf ein Bier zu treffen.«  

Ich verbrachte an diesem wunderschönen Ort drei Nächte. Ich fühlte mich jederzeit wunderbar. Ich wurde von Marianne kulinarisch verwöhnt und Dariusz war sehr freundlich! Wir hatten nette Gespräche über das Land, die Politik und seine Tätigkeit in Kamerun. Er verbrachte dort 26 Jahre seines Lebens. So lange kümmert er sich auch schon um die Waisenkinder. Zum Teil betreut er schon Kinder in der zweiten Generation. Schwer zu glauben, aber ja – es kommt vor, dass ein Kind im Waisenhaus aufwächst, wird dann irgendwann selbst Mutter und kann sich um das eigene Kind nicht kümmern. So landet dann das Kind bei Dariusz. Es kommt auch vor, dass ein Kind einfach vor dem Tor ausgesetzt wird. Man kennt keinen Namen, kein Geburtsdatum. Das Kind bekommt dann einen polnischen Namen und sein Geburtsdatum wird dann auch „bestimmt“, damit das Kind eine Geburtsurkunde bekommen kann. Es gibt auch dramatische Fälle: bei Dariusz sind zwei Brüder gelandet, zwei ca. 6-jährige Jungs, die früher ein Jahr lang angekettet in einer Scheune gelebt hatten! Und zwar bei ihrem Onkel. Es sind wahre Dramen, die sich abspielen. In diesem Kontext macht Dariusz eine exzellente Arbeit. Er rettet die Kinder und bietet ihnen eine gute Zukunft. Einige junge Erwachsene schickt er sogar nach Polen zum studieren, sobald er für sie Stipendien organisiert hat. Dafür verdient Dariusz die höchste Anerkennung und Respekt! 

Es gibt aber noch einen anderen Aspekt, der mich nachdenklich machte und etwas kritisch sein ließ. Es ist das Haus, in dem Dariusz wohnt. Ich möchte nicht urteilen oder gar jemanden schlecht darstellen. Ich weiß nicht, wie das Haus entstand, wer dafür Geld spendete. Ich spreche nur aus der Perspektive eines Beobachters, der nur drei Tage vor Ort verbrachte. Die Villa, wo Dariusz lebt, ist nicht bescheiden. Es ist ein mit modernsten Geräten und Möbel ausgestattetes Haus. Sehr komfortabel eingerichtet und würdig eines gut verdienenden Managers. Und es erscheint mir nicht in Ordnung so zu leben, wenn du dein Leben einer Wohltätigkeit und Waisenkindern widmest. Ich glaube, es gibt so viele Kinder, die bedürftig sind, da sollte das Geld nicht in die Villa eines Mannes investiert werden, der zwar wahrhaftig viel schönes und gutes tut, aber wohl auf den eigenen Komfort in solch üppigen Maßen nicht verzichten kann, im Sinne von „Build bigger table not higher walls“.

In meiner Naivität stelle ich mir vor, dass insbesondere ein Priester eine Lebensmission hat, die er nie aus den Augen verlieren sollte. Und ich glaube, dass er sich nicht selbst belohnen sollte. Ich selbst wäre sicherlich nicht in der Lage, mich so aufzuopfern. Daher möchte ich nochmals betonen, dass alles, was ich gerade schrieb, eine rein subjektive Einschätzung basierend auf einer kurzen Beobachtung ist.

Während der drei Tage fühlte mich dort mit den Kindern sehr wohl. Sie waren so gut erzogen, brav, höflich und ruhig. Ich sah jedoch Traurigkeit in ihren Augen, was mir wahrlich das Herz brach. Ich durfte sie fotografieren und insbesondere empfand ein 5-jähriger Junge dies als gute Idee. Er wollte nicht von meiner Seite weichen, so ist er auf der Hälfte aller Fotos abgebildet. Ich verliebte mich sofort in dieses Kind. 

Dariusz hatte während meiner Zeit auch andere Gäste aus Polen. Ich hätte mich gerne mit ihm darüber unterhalten, was meine oben geschilderten Zweifel anbetrifft. Vielleicht hätte er mir erklärt, dass ich komplett falsch liege, dass dieses Haus für die Kinder gebaut wurde, in dem er in der Villa Gäste übernachten lässt und so Gelder sammelt. So ein Gespräch ergab sich leider nicht. Vielleicht bekomme ich eine zweite Chance irgendwann in der Zukunft. Doch ich musste meine Reise fortsetzen und nach Kongo weiterfahren. 

Piraten oder Separatisten oder Entführer?

Der steinige Weg nach Kamerun

Nigeria wollte mich nicht so einfach gehen lassen. 

Nun gab es drei Optionen für mich, nach Kamerun zu gelangen. Die meisten Motorradfahrer entscheiden sich für den Seeweg: man mietet ein kleines Boot, lässt das Moped von mehreren starken Männern darauf tragen und verbringt dann ein paar Stunden in der Bucht von Guinea auf hoher See. Der Start ist von Calabar in Nigeria und man landet dann in Kamerun, in der Nähe von Douala, der größten Stadt des Landes. 

Diese Option gefiel mir vom Anfang an nicht. Erstens hörte ich bisher nur vom Transport leichterer Motorräder, meine Maschine bringt allerdings wesentlich mehr auf die Waage, um einfach in die Luft gehoben und auf ein kleines Boot gebracht zu werden (später in Kongo ergab sich: das geht wohl doch). Dann hörte ich von einem bekannten Biker, dass er selbst statt sechs Stunden sechzehn Stunden auf dem Boot unterwegs war! Er meinte, dass er das nie wieder machen würde. Es sei eine schreckliche Erfahrung gewesen: er fror, hungerte und zitterte bei hohem Wellengang um sein Leben. Dann kam noch in den Nachrichten eine Meldung von BBC, dass ein norwegischer Frachter gerade wenige Tage zuvor von Piraten entführt wurde: direkt vor der Küste von Benin. Die Bucht von Guinea gilt seit einigen Jahren als Hotspot der weltweiten Piraterie, laut International Maritime Bureau. Ich dachte zwar nicht, dass das kleine Motorrad-Transportboot ein Leckerbissen für die Piraten werden würde, aber jede Ausrede war gut, um sich doch für den Landweg zu entscheiden.

Wenn es also nicht die Piraten sind, die auf die Reisenden von Nigeria nach Kamerun warten, dann sind es die Separatisten. Direkt nach der Grenze in Ekok beginnt das Separatistengebiet, das sog. Ambazonien. Ich muss ehrlich gestehen: bevor ich nach Afrika kam, hatte ich nie von der Republik Ambazonia gehört. Es ist ein Gebiet im Westen Kameruns, bewohnt von der anglophonen Bevölkerung Kameruns, ca. 20% der 25 Mio. Einwohner. Die englischsprachigen Kameruner fühlten sich seit Jahrzehnten unterdrückt und marginalisiert durch die Regierung in Yaoundé . Die Protestwelle startete 2016. Im Jahr darauf wurde die Republik Ambazonia ausgerufen. Die Zentralregierung weist alle Autonomiebestrebungen zurück. Auch auf internationaler Ebene wurde Ambazonien nicht anerkannt. Seitdem herrschen in den anglophonen Regionen im Nord- und Südwesten bürgerkriegsähnliche Zustände. Laut der UN (Amt für Koordinierung humanitärer Angelegenheiten) sind ca. eine halbe Millionen Menschen auf der Flucht. 

Durch dieses Gebiet führt also der „einfachste“ Weg von Nigeria nach Kamerun, mit dem Grenzübergang in Ekok. Ich plante tatsächlich auch diesen Weg zu nehmen. Und zwar nicht, weil ich lebensmüde bin, sondern weil ich hörte, dass es machbar wäre. Erstens hörte ich von anderen Reisenden, dass man von den Separatisten zwar gestoppt wird, aber nichts zu befürchten hat, außer einen intensiven Waffenanblick. Außerdem sind das keine Terroristen, sondern Freiheitskämpfer, die zu den Waffen griffen, weil sie sich den Unterdrückern widersetzen wollten. Dazu sprachen sie noch eine Sprache, in der ich mit ihnen kommunizieren könnte. Ich war mir fast sicher, dass wir uns gut verstehen würden. Darüber hinaus: ein Kontakt aus der nigerianischen Biker-Szene vermittelte mir einen Helfer, der an dieser Grenze wohnt und der bereit wäre, mich zu begleiten. Mit dieser positiven Einstellung fuhr ich also Richtung Ekok. 

Vor der geplanten Grenzüberquerung übernachtete ich in der Stadt Imok. Dort wohnt auch der hilfsbereite Biker Mohammed, mit dem ich dann kurz nach meiner Ankunft telefonierte und mich für den nächsten Morgen verabredete. 

Doch die Entwicklungen nahmen eine andere Wende. Am nächsten Morgen fuhr ich zur Grenze, um mich mit Mohammed zu treffen. Wie das halt so in Afrika läuft: er erschien nicht und meine Anruf blieben unbeantwortet. Kurz entschlossen fuhr ich dann alleine zur Grenze, in der Hoffnung, sie im Alleingang passieren zu können. Die nigerianischen Beamten waren echt nett, aber zögerlich. Ich müsse erst zur kamerunischen Seite laufen und fragen, ob ich reingelassen werde, bevor ich ein Ausreisestempel bekomme. So parkte ich mein Moped direkt vor dem nigerianischen Polizeiposten und lief zu Fuß über die Grenzbrücke nach Kamerun. Dann kam die Enttäuschung: wegen der angespannten Sicherheitslage werden keine Touristen reingelassen. Nur der Grenzverkehr bis zur nächsten Stadt wird bedient. 

Es blieb mir also nicht anderes übrig, als mich aufs Moped zu setzen, in den Norden zu fahren, und die letzte Option in Erwägung zu ziehen: die Umrundung von Ambazonien und der Versuch, die Grenze in den Bergen zu passieren, die wegen zwei Sachen berüchtigt war: Entführungen und extrem schlechte Wege, inklusive brückenlose Flussüberquerungen. 

Vor der Grenzüberquerung musste ich noch einen ungeplanten Notaufenthalt anlegen: einen abgebrochenen nigerianischen Hausschlüssel aus meinem deutschen Reifen rausholen und das Loch stopfen. Diese Operation gelang mir ziemlich gut und ich konnte meine Reise am nächsten Morgen fortsetzen.

Die Fahrt Richtung Gembu, einem Dorf, ca. 70 km von der Grenze entfernt, verlief ohne spezielle Vorkommnisse. Ich wurde nicht entführt und musste mich nur vor korrupten Polizisten und Soldaten behaupten. Darin war ich aber schon geübt und erzählte immer wieder die Story von meiner großartigen Weltreise durch Afrika, wie toll ich die Polizeibeamten in Nigeria finde und dass ich ein Buch über meine Erfahrungen schreiben werde. Das Geheimrezept ist einfach so viel wie möglich erzählen, die Leute nicht zu Wort kommen lassen. Irgendwann gibt jeder Polizist auf und wünscht Dir eine gute Weiterfahrt. 

Und das Problem mit den Entführungen scheint im Moment gelöst zu sein. Durch die große Polizeipräsenz (doch ein positives Beispiel für die Polizeiarbeit in Nigeria!) fanden schon seit längerem keine Entführungen mehr statt. Doch noch vor einem Jahr schrieb eine Bloggerin:

„Between Katsina Ala and Takum kidnappings are taking place!! Locals and foreigners are at aim. Ransom for locals 1 Million, for foreigners 15 Million Naira. Police is highly concerned. We were escorted by 5 armed men, payed 20.000 N for escort. Being escorted, we gave three guys a lift to Takum who had been held as hostages for 11 days and were heading home after ransom was payed by family members. Danger seems to be real!“ (orig. Schreibw.)

Laura Pfaelzner (Quelle: iOverlander)

Vorgewarnt fragte ich an jedem Polizeiposten, wie die Lage ist. Alle versicherten mir, dass der Weg sicher sei und ich sorgenlos weiterfahren könne. So fuhr ich weiter und erreichte am Abend das Dorf Wakili Buba kurz vor Gembu. 

Der Weg nach Kamerun ab Wakili Buba ist natürlich nicht ausgeschildert. Auf GoogleMap oder Maps.me findet man mehrere Wege, die nach Kamerun führen. Aber welcher ist der richtige? Welcher hat bessere und vor allem befahrbare Strecken? Wo sind die befahrbaren Flüsse? Wo gibt es weniger schmale klappernde Holzbrücken? Wo gibt es Dörfer mit Menschen, die dir weiterhelfen können? Als Tourist hast du natürlich keine Ahnung und weißt nicht mal, wo du anfangen sollst. So stand ich ahnungslos in der Mitte von Wakili Buba und überlegte, was ich machen soll. Nach ca. 3 Minuten hatten sich bereits zehn, fünfzehn „Zuschauer“ versammelt, die sich fragten, was der Fremde hier überhaupt will. Da die meisten auf ihren eigenen kleinen chinesischen Bikes saßen, kam ich auf die Idee, Profit davon zu schlagen: ich fragte in die Runde, wer den Weg nach Kamerun kennt. Ich bot Geld an und prompt meldete sich einer, der mich leiten wollte. Wir vereinbarten 5000 Naira (ca. 12€) und ich folgte meinem neuen Freund Ahmed ins Ungewisse. 

Die Entscheidung, einen Guide zu haben, war wirklich jeden Cent wert. Während der ca. fünfstündigen Fahrt bis zur Grenze war Ahmed nicht nur mein Wegweiser, sondern auch Helfer beim Motorrad-Hochheben, als ich auf Steinen fiel, was leider immer wieder passierte. Auf einem besonders schwierigen und steinigen Abschnitt, als ich einen Berg hochfahren musste, rief er sogar noch weitere Jungs aus dem Dorf, welches wir gerade passierten, zur Hilfe. Obwohl er sich gut auskannte, musste er auch selbst ab und zu fragen, welcher Abschnitt gerade befahrbar war. Ich hätte mich alleine wahrscheinlich mehrfach verfahren. Oder hätte es nie nach Kamerun geschafft…

Die Grenze an sich war zur Abwechslung nicht besonders schwierig oder kompliziert. Nette und kompetente Beamten auf beiden Seiten. Dann wurden aber die restlichen 30 km auf der kamerunischen Seite nicht leichter: es war genauso steinig und nass wie in Nigeria. Mit „nass“ meine ich drei Flussüberquerungen, davon zwei doch relativ leicht. 

Mit großer Erleichterung erreichte ich gegen 16:00 Uhr das Tagesziel: das Städtchen Banyo. Und es gab dort sogar eine asphaltierte Straße! Nach acht Stunden offroad war ich heilfroh, endlich wieder eine glatte Straße unter meinen Rädern zu fühlen!

Mein Offroad-Abenteuer in Kamerun war aber noch nicht zu Ende. Am nächsten Morgen wollte ich von Banyo nach Foumban fahren – nochmals 150 km super schlechte Straßen vor mir. Immerhin gab es keine brückenlose Flussüberquerungen, keine Sümpfe zu passieren, aber dafür Straßenabschnitte, die noch nie Asphalt gesehen hatten und nur durch Wettereinflüsse geformt wurden. Nicht sehr gelungen… Das Ergebnis: für diese 150km lange Strecke benötigte ich mal wieder 8 Stunden.

„This is Lagos“

Es gibt kein „Welcome to Lagos“-Schild vor der Stadt. Die Reisenden begrüßt ein bedrohliches „This is Lagos!“.

Nach den entspannten Reisewochen durch Westafrika bis einschließlich Benin, kam ich nach Nigeria. Ich muss ehrlich zugeben, ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten wird. Ich bin heil aus dem Land wieder rausgekommen, aber ich müsste echt lange überlegen, ob ich Nigeria nochmals auf dieselbe Art und Weise bereisen würde. Es gab natürlich auch schöne Momente und ich traf tolle Menschen, aber insgesamt machte mir dieses Land wahrhaft Angst und es ist nicht so angenehm, ständig auf der Hut bleiben zu müssen. Aber vom Anfang an…

Die Anreise an sich war schon ziemlich anstrengend. Für eine Distanz von 100km ab der Grenze nach Lagos benötigte ich acht Stunden. Die Straße war in einem elendigen Zustand. Immer wieder Polizeikontrollen, manche gar ziemlich lustig, wenn sich die Beamten mehr für mein Motorrad als für meine Dokumente interessierten. Und dann der Stau des Jahrhunderts – kurz vor den Toren von Lagos. Statt wie geplant um 17:00 Uhr bei meinem Freund auf der Victoria Island anzukommen, war ich dort erst um 21:30 Uhr. Krzysiek machte sich schon Sorgen, denn – wie ich später erfuhr – genau dort, wo ich nichts wissend im Stau stand, wurde er schon ausgeraubt. Eine Gruppe von jungen Männern kamen zu seinem Auto als er im Stau stand, schlugen die Scheiben ein und nahmen sich aus dem Fahrzeug alles, was sie fanden. Später sah ich selbst auf einem Video, wie so eine Aktion verläuft. Jemand filmte einen Überfall von einer Brücke aus. Ziemlich erschreckend so etwas zu sehen. Mir blieb solch eine krasse Erfahrung erspart, obwohl ich an einem Tag in Lagos von einer Gruppe sich komisch verhaltender Männer gestoppt wurde. Diese wedelten mir vor der Nase mit geklauten (oder präparierten) offiziellen Ausweisen und wollten mir den Schlüssel aus der Zündung herausziehen. Hätten sie das geschafft, wäre ich wahrscheinlich ausgeliefert gewesen. Was sie genau wollten, konnte ich mir nur denken: höchstwahrscheinlich Geld. Meinem Keyless-System sei Dank, dass sie keinen Schlüssel in der Zündung fanden. Dieser steckte tief in meiner Jackentasche. Auch gelang es ihnen nicht bei meinem Freund Krzysiek, denn wir fuhren zu zweit an jenem Tag. Nach einer kurzen aber heftigen Diskussion, mit der Drohung, Polizei und die Botschaft zu informieren, liessen sie dann von uns ab. Lustigerweise verstanden sie das „D“ auf meinem Nummernschild als „diplomatic“ und rannten weg. So ein Glück, dass wir auf ein paar Deppen trafen. Aus Erzählungen weiß ich, dass man nicht immer so viel Glück in Lagos hat..

Die Stadt ist mir ihren 20 Millionen eine Riesenmetropole und dementsprechend unüberschaubar. Der Verkehr ist zu jeder Tages- und Nachtzeit unmöglich. Man kommt schlecht durch, insbesondere wenn man ein Ausländer aus Europa ist und sich in dem Chaos nicht zurecht findet. Wiederum gibt es eine ruhige, luxuriöse Oase: das Projekt „Eco Atlantic City“, ein Finanzzentrum und eine Planstadt, die auf einem Stück Land gebaut wird, das dem Ozean abgerungen wurde. Dort soll Wohnraum für ca. 300.000 Menschen entstehen. Von den geplanten mehreren Wolkenkratzern sind erstmal vier entstanden. Dort sollen Appartements Millionenbeträge kosten und mittlerweile seien alle bereits ausverkauft. An diesem Projekt zeigt sich die große Kluft zwischen arm und reich in Nigeria. Es gibt eine kleine Elite, die meistens mit Ölgeschäften reich wurde – der Großteil der Bevölkerung lebt allerdings in Armut. Das Projekt „Eco Atlantic“ wird auch unter umweltrechtlichen Aspekten stark kritisiert. Es starben bereits Menschen aufgrund von Überflutungen in der unmittelbaren Umgebung des Projekts. Es wird kritisiert, dass grundlegende Umweltstandards nicht eingehalten wurden. Ein entsprechendes Klimagutachten wurde erst drei Jahre nach Baubeginn erstellt. Kritiker behaupten, dass durch das Projekt Küstenerosionen an anderen Orten beschleunigt wurden. Die britische Zeitung „The Guardian“ sprach gar von einem Klima-Apartheid: es wird für die Reichen gebaut und die Leidtragenden sind die Armen.

So soll ein afrikanisches „Hong-Kong“ entstehen. Bisher sind auf dem 25qkm großen Areal nur wenige Häuser und das Straßennetz zu sehen. Böse Zungen sagen, das Projekt nie fertig wird. Auf jeden Fall ist das zurzeit ein schöner Ort, um eine Drohne fliegen zu lassen und die Stadt von oben zu filmen, solange man sich nicht erwischen lässt. Das Areal ist abgesperrt, man wird nur reingelassen, wenn man dort wohnt, oder einen Freund dabei hat, der die Security verwirrt.

Ein separates Kapitel verdient das Nachtleben in Lagos. Was ich erlebte, verdanke ich natürlich meinem Freund Krzysiek, der ein sehr bewanderter Nightlife-Nutznießer ist. Was ich am allerersten Abend noch lustig fand, war dann an den darauf folgenden Abenden nur erschreckend. Stell Dir eine große Bar mit schöner Musik und reichlicher Diversität an alkoholischen Getränken jeder Art vor. Ok, nichts besonders oder gar nichts verwerfliches daran. Dann aber, spätestens nach einem Bier und ca. 15 Minuten, merkst Du, dass das Publikum größtenteils aus zwei Gruppen besteht: aus weißen Männern, die im Schnitt ca. Mitte 50er sind, und schwarzen Schönheiten, die keine Zeit vergeuden wollen. Ich möchte weder die eine oder andere Gruppe bewerten. Ich fand es nur erschreckend, wie leicht man an Sex kommt. Diese Mädchen erzählen, dass sie als Models oder Stewardessen arbeiten. Bei ihrem Aussehen, kann man solchen Behauptungen auch leicht glauben. Was ihre Motivation ist, lässt sich erraten: sie suchen nach einem reichen Boyfriend (weiß=reich in Afrika), und wenn das nicht klappt, dann erhoffen sie sich mindestens Geschenke oder Geld nach so einem nächtlichen „Abenteuer“. Solche Bars gibt es weit und breit, die Prostitution scheint in Lagos zu blühen.

Ich verbrachte insgesamt über eine Woche in Lagos und hatte natürlich auch „normale“ Erfahrungen und Begegnungen. Ich lernte die hiesige polnische Community kennen, durfte in einem Jugendzentrum Kindern über meine Reise erzählen, besuchte eine berühmte Ausstellung der afrikanischen modernen Kunst der letzten 50 Jahre, mein Motorrad wurde fachgerecht inspiziert und ich lernte einen neuen Freund kennen: Toyin Adebola, der auf dem Motorrad die entgegengesetzte Richtung befuhr: er schaffte es bis nach Kiruna in Nordschweden! Stellt Euch mal Eure eigene Verwunderung vor, wenn Euch in Nordeuropa ein Afrikaner auf einem Motorrad mit nigerianischen Kennzeichen begegnet!

Nach Lagos ging die Reise in den Osten: nach Kamerun. Bis ich soweit war, durfte ich quer durch das Land fahren. Und diese Fahrt wäre richtig schön gewesen, wenn es nicht ein paar störende Faktoren gegeben hätte: kaputte Straßen, ständige Angst an jeder Kreuzung ausgeraubt zu werden, halsbrecherisches Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmer, Nagel im Reifen, eine heftige Erkältung, Tiere auf der Fahrbahn, (angebliche) Entführungsgefahren – und das aller lästigste: korrupte Polizisten und Soldaten, die allesamt nach Geschenken oder Geld fragten. Ich entschuldigte mich jedes Mal, kein Geschenk dabei zu haben, denn ich sei ein Jahr lang unterwegs und meine Lagerkapazitäten für Geschenke seien sehr eingeschränkt. Die Kontrollen fanden nicht selten alle 1000m statt. Ein anderer Reisender, der drei Wochen lang in Nigeria mit dem Auto unterwegs war, hatte 229 Kontrollen gezählt. Es gibt 23 verschiedene Behörden, die Dich auf der Straße stoppen und kontrollieren (sprich: Geld oder Geschenke verlangen) können.

Ich gestatte mir jetzt mal alle aufzuzählen, es ist der reine Wahnsinn. Abgesehen von der „normalen“ Polizei und der Arme, findest du auf den nigerianischen Straßen Beamte der folgenden Behörden (Original in Englisch): Drugs, Customs, Immigration, Strike Force Team, MOPOL, Operation Zenda, Police Anti-Crime Division, VIO (Vehicle Inspection Office), Highway Safety, Highway Response, Nigerian Navy, Police Mobile Force, Federal Operations Unit, Nigeria Security and Civil Defense, Operation Wuta-Wuta, IMGH Security, Special Force Police, Anti-Robbery Team, Anti-Kidnapping Team, Federal Road Safety und zum Schluss (bitte nicht lachen) das Anti-Corruption Team. Angesichts der Sicherheitslage im Land scheint die Erfolgsquote der einen oder anderen Behörde sehr bescheiden zu sein.

Nach drei Tagen Fahrt durch das Land erreichte ich endlich die Grenze nach Kamerun in Ekok. Die nigerianischen Beamten waren sehr freundlich und wollten mich gar ausreisen lassen: unter der Bedingung, dass mich die Kameruner reinlassen. So ging ich zu Fuß über die Grenzbrücke und fragte die netten kamerunischen Grenzbeamten, ob ich rein darf. Die Antwort war: nein. Wegen des Konflikts mit den Separatisten werden keine Touristen reingelassen. Ich fluchte laut in meinen Gedanken und fuhr wieder zurück. Immerhin winkten die bereits bekannten Beamten am Kontrollposten freundlich zu und wollten mich nicht erneut kontrollieren.

Der Engel von Benin

Am 21. Oktober kam ich in Benin zu später Stunde an. Die Vorgabe, niemals bei Nacht Afrika zu befahren, wurde von mir wieder einmal missachtet. Dieses Mal ging es aber gar nicht anders. Die „Freude“, Grenzen in Afrika zu überqueren, durfte ich an diesem Tag gleich zwei Mal erleben. Und das dauerte immer seine Zeit.

In Empfang nahm mich Basia. Sie heißt eigentlich Barbara, wird aber von den Kindern und Freunden in der polnischen liebevollen Variante „Ciocia Basia“ (Tante Basia) genannt.

Basia lebt seit über sechs Jahren in Benin . Bevor sie sich dort fest niedergelassen hat, reiste sie sehr viel durch Afrika. Die Liebe zum Kontinent entdeckte sie schon in jungen Jahren. Sie mündete – wie so oft – in Liebe zu einem Mann. Sie heiratete Kangni aus Grand Popo. Eines Tages im Jahre 2013 entschied sie, dass das Leben in Warschau doof sei und außerdem lebte ihr Ehemann weit weg in Benin. Sie sah ihn nicht so oft, wie sie sich das wünschte. Sie packte also ihre Koffer und zwei Wochen nach ihrer Erleuchtung und der Lebenserkenntnis zog sie nach Grand Popo um.

In Warschau trainierte Barbara Erwachsene, um sie zu besseren Versicherungsverkäufern zu machen. In Benin fing sie dann auch mit einer didaktischen Tätigkeit an und fuhr jeden Tag 90km nach Cotonou, der größten Stadt von Benin, um dort in einer Schule zu unterrichten. Irgendwann war ihr diese Fahrerei zu viel. Dies kann ich sofort aus eigener Erfahrung bestätigen. Vor ein paar Tagen fuhr ich zum kongolesischen Konsulat nach Cotonou. Es war nicht nur sehr weit. Es war vor allem gefährlich: kaputte Straßen, verrückte Moped-Fahrer, dichter Verkehr… außerdem steht die Stadt in der Regenzeit unter Wasser. In der Küstenstadt, umgeben von Wasser, sammeln sich riesige Wasserpfützen auf den Straßen. Die Nebenstraßen sehen noch schlimmer aus: alles steht oder fährt im Wasser.

Doch Barbara erkannte sehr schnell, dass der Bedarf an Lehrern, vor allem aber die Unterstützung der bedürftigen Kinder in ihrem Dorf Grand Popo sehr groß war. Sie sah, dass viele Kinder hungrig zur Schule kamen, dass sie sich keine Schuluniformen leisten konnten. Es fehlte an grundsätzlicher Ausstattung in den Schulen. Nicht selten wurden die Lehrer nicht nur schlecht, sondern oft gar nicht bezahlt. Barbara war klar, dass sie die Kinder nicht sofort und nicht alle gleich retten konnte. Sie zögerte aber nicht und gründete die Stiftung EDU Afryka, damit sie in ihrer Heimat, in Polen, Spenden sammeln und Förderer gewinnen konnte. So hatte sie eine Möglichkeit gefunden, den Kindern in Grand Popo zu helfen.

Bis heute hat sich die Eine-Frau-Stiftung etabliert und feste Förderer gewonnen. Barbara kümmert sich dank der Spender aus Polen direkt um ca. 60 Kinder aus ärmsten Verhältnissen. Sie organisiert Kantinen in den lokalen Schulen, damit die Kinder während des Unterrichts essen können. In den Kantinen kochen oft die Mütter der ärmsten Kinder, die dadurch regelmäßig Geld verdienen können. EDU Afryka organisiert auch Schuluniformen für die Kinder sowie Sportbekleidung für die Ärmsten. Barbara opfert den Kindern viel Zeit. Sie bringt ihnen Kreativität bei: sie organisiert Kunstunterricht, in welchem sie sich malerisch austoben können. Bei ihr zählt: je schräger die Bilder, umso besser. Denn der „normale“ Unterricht scheint nach gewissen Mustern zu verlaufen, die die Kreativität und Eigeninitiative der Schüler nicht unbedingt fördert.

Als ich nach Grand Popo kam, engagierte mich Barbara sofort für ihre Kinder. Ich durfte als Thema, Objekt, Instruktor, Geschichtserzähler und Vorbild als Traveller fungieren. Sie sagt, dass solche Chancen, den Kindern etwas außergewöhnliches zu präsentieren, viel wert sei! Das macht sie mit vielen Besuchern, die den weiten Weg nach Grand Popo finden und etwas zu erzählen haben. Für mich war das eine der wertvollsten und großartigsten Erfahrungen, die ich je machen durfte. Ich machte es sehr, sehr gern.

Die Kinder von Grand Popo haben oft unglaubliche und sehr traurige Geschichten zu erzählen. Zu den Kindern, um die sich Basia kümmert, gehört Lèonce. Er kam in das Dorf als er ca. acht Jahre alt war – keiner weiß jedoch genau, wie alt er ist. Sein Vater brachte ihn zur Oma, weil er nicht in der Lage war, sich um den Jungen zu kümmern. Seitdem gibt es keinen Kontakt mehr zu ihm. Der Junge zog in die bescheidene Fischerhütte der Oma am Strand ein. Später ergab sich Lèonce als ein begabtes Kind. Als er vor ein paar Monaten kam, sprach er die lokale Sprache nicht. Jetzt spricht er sie fließend. In der Schule macht er sich auch sehr gut. So kann sich vieles zum Guten wenden: er hatte einen schwierigen Start. Als kleines Kind litt er unter Unterernährung: angeschwollenes Gesicht, Bauch und Beine. Das sieht man ihm jetzt auf den ersten Blick nicht mehr an, aber wer diese Krankheit gut kennt, erkennt ihre Spuren sofort.

Edu Afryka kümmert sich auch um die Geschwister Felix, Gbédassi und Fidéle. Als sie unter die Obhut der Stiftung kamen, waren sie 14, 9 und 6 Jahre alt. Der Vater ist gestorben, die Mutter bekam einen Job als Haushalthilfe im Norden Benins und ist gegangen. Um die Kinder kümmert sich seitdem ihre Oma.

Es gibt weitere Beispiele:

Eric und seine Mutter Adjika wurden aus dem Haus der Familie des Vaters rausgeworfen, als dieser starb. Solche Tragödien gibt es sehr viele. Auch als der Vater von Rene und Lazare starb, verlor die Familie die Existenzgrundlage, da der Vater einen festen Job hatte. Danach übernahm die Mutter die Verantwortung und zögerte nicht, die schwersten Arbeiten anzunehmen, z.B. als Trägerin von Sand. Auf einer Baustelle schleppte sie stundenlang Sandsäcke auf ihrem Kopf. Im Falle der achtjährigen Marielle übernahm zuerst der Vater die Verantwortung als sich die Eltern trennten. Seit drei Jahren kümmert sich jedoch die Schwester des Vaters um Marielle. Der Vater fühlte sich überfordert und verschwand. Oft meint es das Schicksal besonders böse mit den Menschen hier, wenn noch eine Krankheit das Leben erschwert. Guezo, die Mutter von der 6-jährigen Bellevida arbeitete in so schwierigen Konditionen, dass sie schwer erkrankte. Besonders bitter, weil sie alleinerziehende Mutter ist. Durch die Arbeit als Hilfskraft auf dem Acker, bei der sie ständig der prallen Sonne ausgesetzt war, erkrankten ihre Augen. Ein Auge kann sie nicht mehr öffnen, ihre Hände und Füße sehen schrecklich aus.

Solche Schicksale lassen Basia nicht gleichgültig. Dank ihrer Arbeit und der Unterstützung ihrer Förderer müssen diese Kinder nicht hungern, haben Schuluniformen, Sportbekleidung und Schulunterricht.

Ich durfte sie alle kennen lernen. Sie alle lachen, spielen und besuchen fleißig die Schule. Sie haben jetzt eine reale Chance auf Bildung und ein besseres Leben. Kein Wunder, dass sie Basia vergöttern und mit Begeisterung am Kunstunterricht teilnehmen. Selbst an einem Wochenende.

Die Stunde des Ruhms im Collège d‘Excellence

Gestern hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Chance, in einer Schule aufzutreten. Ich wurde gebeten, den 60 Schülern des Collège d’Excellence über meine Reise zu erzählen. Es handelt sich hier um die beste Schule in Grand Popo, einem malerischen Dorf direkt an der Küste der Bucht von Benin.

Die Schule präsentierte sich in der Tat imposant im Vergleich zu den anderen Schulen im Dorf. Sie wurde vor wenigen Jahren erbaut, mit Unterstützung von chinesischen Fördermitteln. Das war ja auch nicht zu übersehen: eine große gezeichnete chinesische Fahne gleich am ersten Schulgebäude, gut sichtbar von der Straße. Insgesamt waren auf dem Schulgelände vier gleiche Häuser, platziert in Form eines Quadrats. Die Flagge von Benin flatterte auf einem Mast direkt in der Mitte des Schulhofes. Im ersten Haus gibt es Räume für die Lehrer, im zweiten befinden sich Klassenzimmer, im dritten die Kantine und im vierten… ja, das ist die spannende Geschichte: dort stehen 30 Computer, die der chinesische Staat dieser Schule öffentlichkeitswirksam schenkte. Es gab eine Feier, Politiker und Vertreter der Sponsoren kamen. Die Kinder klatschten begeistert in die Hände, die Eltern waren stolz darauf, ihre Kinder ausgerechnet dieser Schule anvertrauen zu dürfen.

Es gibt nur ein winziges Problem mit den Computern. Die Schule ist nicht an das örtliche Stromnetz angebunden. Ja, richtig verstanden: die Schule hat kein Strom und die Computer liegen seit zwei Jahren originalverpackt in den Kartons und gammeln vor sich hin. Irgendwann ist das Betriebssystem der Rechner sicherlich nicht mehr aktuell. Der Schulleiter schwört zwar, dass es seine erste Priorität ist, die Schule mit Strom zu versorgen. Aber ich hörte, dass er das schon seit zwei Jahren tue. Ergebnislos. Das Collège d‘Excellence strahlt mit Unterrichtsqualität – leider nicht im IT-Bereich.

Nun aber zurück zu meiner „Hour of Glory“. Ich sollte zur Schule auf dem Motorrad kommen: als der „Große Traveller“, der den Kindern über seine Abenteuer aus der ersten Hand erzählt. So nahm ich mein Moped, die ganze Reisebekleidung und fuhr zur Schule.

Ich parkte noch vor dem Schulgelände, weil der Unterricht noch nicht vorbei war und ich hatte vor, meinen Auftritt entsprechend beeindruckend zu gestalten. Ich stellte mir vor: die Kinder warten im Hof, ich fahre in die Mitte des Hofes rein, gebe kurz Gas, klappe den Seitenständer auf, steige langsam und zielsicher ab, ziehe den Endurohelm aus – die Kinder klatschen begeistert.

Doch es kam ganz anders. Der Schulleiter hatte einen anderen Plan. Er wollte den Ruhm selbst ernten. So kam er zu mir, ohne nach Erlaubnis zu fragen sprang er auf mein Motorrad und unternahm Anstalten, es zu starten. Ich zögerte kurz. Um ehrlich zu sein: der „Ruhm“ war mir vollkommen egal. Ich hatte Angst um mein Motorrad. Das Ding wiegt ordentlich und der Schulleiter sah nicht so aus, als ob er seine Freizeit im Fitnessstudio verbringen würde. Er schien vor allem nicht ausreichend lange Beine für mein Moped zu besitzen. Am Ende wollte ich ihm jedoch den Spaß nicht verwehren und gestattete dem Herrn Direktor zu fahren.

Die Situation entwickelte sich leider so wie befürchtet. Er fuhr los, kam noch mit Mühe in den Hof. Die Kinder fingen an zu klatschen und vor Begeisterung jubelnd in die Luft zu springen. Herr Direktor fuhr dann auf eine Bordsteinkante rauf und kippte mit voller Wucht um. Der zu erwartende Moment des Ruhms ging in die Hose. Die Kinder hörten auf zu klatschen. Ich sprang noch zur Hilfe – leider zu spät. Das Moped lag auf dem Boden und Herr Direktor schaute mit verzweifeltem Gesicht zu. Wir hoben die Maschine auf und baten die Kinder kommentarlos in das Klassenzimmer.

Jetzt war ich aber dran, den Kindern von meiner Reise zu erzählen. Der Englischlehrer übersetzte ins Französische. Normalerweise hätte der Herr Direktor gedolmetscht, er schien aber keine Lust mehr zu haben.

Ich erzählte über die langen Vorbereitungen, über die unzähligen Bücher, die ich las und unzählige Filme, die ich über Afrika sah. Ich berichtete über die Länder, die ich bereits besuchte und über die Pläne der Weiterreise. Ich wollte den Kindern vermitteln, dass Träume immer in Erfüllung gehen, wenn man an sich selbst glaubt und hart daran arbeitet, diese in Erfüllung gehen zu lassen. Ich präsentierte auch meine Schutzbekleidung und erzählte, wie wichtig die Sicherheit unterwegs ist. Ich wollte den Kindern ein gutes Beispiel sein. Ob meine Geschichte was in den Köpfen bewirkte, weiß ich natürlich nicht. Ich hoffe aber sehr, dass das eine oder andere Kind anfängt zu denken, dass sich verrückte Ideen und Träume verwirklichen lassen.

Nach meiner Erzählung war Barbara dran, die den Kunstunterricht leitet. Sie nutzte mich und meine Geschichte als Thema und Vorwand, um die Kinder über eigene Träume und Wünsche zu inspirieren und dies wiederum auf Papier zu bringen.

Meinen Schulauftritt verdanke ich natürlich der Initiative von Barbara, die jede Gelegenheit nutzt, die Kinder zu begeistern und ihnen ungewöhnliches zu präsentieren. Sie ist die gute Seele von Grand Popo. Sie unterrichtet Kunst, ein Fach, in dem die Kinder sich beim Malen austoben können. Sie sagt, dass der „normale“ Unterricht die Kreativität der Kinder einschränke, beim Malen dürfen sie alles tun. »Je schräger die Bilder, die sie malen, umso besser« – sagt sie immer. Ich durfte den Kindern beim Malen zuschauen und fotografieren.

Über Barbara möchte ich einen separaten Artikel schreiben, sie hat das mehr als verdient! Ich verrate nur noch, dass die Kinder von Grand Popo sie unendlich lieben. Und sie hat den hiesigen Kindern ihr Leben gewidmet.